Aus für Mobilfunk?

In punkto Verträglichkeit hat der "Erfinder" des "Salzburger Modells", Gerd Oberfeld von der Landessanitätsdirektion Salzburg, inzwischen andere Vorstellungen: Er empfiehlt seit Februar 2002 den 100- bzw. 1.000-fach tieferen Wert von 10 (außen) bzw. 1 Mikrowatt pro Quadratmeter (in Innenräumen). "Das Milliwatt wäre das Aus der flächendeckenden und das Mikrowatt das Aus der gesamten Mobilfunkversorgung", zeigt Barmüller abermals Unverständnis für derlei Forderungen - und appelliert an die Stadt Salzburg, auch andere Wissenschaftler zu Wort kommen zu lassen. Weiters kritisiert er den Umstand, dass die Vorsorgewerte noch zusätzlich durch alle elf von den Betreibern verwendeten Mobilfunkfrequenzen geteilt werden sollen. Auch Oberfeld räumt ein, "dass der Mikrowatt-Grenzwert Abstriche von der Vorstellung erzwingen würde, immer und überall telefonieren zu können. Denn erst dann wäre es möglich, die im dicht bebauten Gebiet eingesetzten Mikrozellen mit weit weniger Sendeleistung zu betreiben." Er plädiere für einen "Mobilfunk mit Maß und Ziel unter Ausnutzung aller technischer Raffinessen." Der Sprecher der Salzburger Bürgerinitiativen, Bernhard Carl, ergänzt: "Wir empfehlen den Leuten, aus gesundheitlichen Gründen, weniger mit dem Handy zu telefonieren. Dann bräuchte man auch weniger Sendeanlagen."

Mobilkom-Pressesprecherin Elisabeth Mattes entgegnet: "Der Sinn der Mobiltelefonie ist, dass man überall telefonieren kann - alles andere wäre ",Betrug am Kunden'". UMTS sei mit den Salzburger Vorsorgewerten "physikalisch unmöglich", ist sie sich sicher. "Das wäre, wie wenn man mit dem Auto mit 300 km/h über einen löchrigen Feldweg fahren müsste", meint Mattes und bleibt bei einem ähnlichen Vergleich: "Autoabgase sind schädlicher als diese elektromagnetischen Felder - aber der Fokus liegt in Europa eben beim Mobilfunk." Sie verweist auf den Zwiespalt vieler, die zwar telefonieren wollten, aber Sendeanlagen ablehnten. "Wir haben Verständnis, wenn die Stadt Salzburg sagt, dass sie diese Technologie nicht will", meint sie. "UMTS wird in Salzburg nicht ausgebaut, solange es keine einheitlichen gesetzlichen Regelungen gibt", stellt auch tele.ring-Pressesprecher Walter Sattlberger klar und bedauert, dass sich der Vorsorgewert etabliert habe.

Keine Freude mit der "UMTS-Funkstille" hat auch einer der Befürworter des "Salzburger Modells", der Verkehrs-, Umwelt- und Planungsstadtrat Johann Padutsch. Dieser meint jedoch, dass die Leistungsflussdichte von einem mW/m² von vornherein nur an zehn Prozent aller Plätze überschritten werde. "Problematisch wird es erst dann, wenn durch mehrere Häuser durchgestrahlt werden soll." Padutsch versucht seit 1998 das "Salzburger Milliwatt" über den Umweg des Ortsbildschutzes durchzusetzen. Als er Akten zur Bewilligung von GSM-Mobilfunkanlagen, bei denen eine deutliche Überschreitung des Vorsorgewertes vorauszusehen war, zurückhielt, leitete die Magistratsdirektion der Stadt Salzburg ein Amtsenthebungsverfahren ein und bewilligte diese Standortansuchen. Padutsch wurde in erster und zweiter Instanz (OGH-Urteil vom 3.12.2002) freigesprochen. Die Gerichte stellten aber fest, dass das Thema Gesundheit im Sinne eigener Vorsorgewerte bei der Bewilligung von Anlagen künftig nicht bewertet werden dürfe.

Milliwatt-Modell Gräfelfing

Der Meinung, dass eine flächendeckende Mobilfunkversorgung mit dem Grenzwert von einem mW/m² im Bereich des Möglichen liegt, ist Johannes Kamp, Geschäftsführer des im Netzaufbau tätigen deutschen Unternehmens Enorm: "Durch optimierte Planung der Standorte kann man die Strahlenimmission minimieren." Gemeinsam mit dem Consulting-Unternehmen Techcom wird zur Zeit in der 13.000-Einwohner-Gemeinde Gräfelfing nahe München ein Mobilfunknetz unter den Prämissen des "Milliwatt-Grenzwertes" in Wohngebieten neu konzeptioniert. Die Auftrag gebende Gemeinde habe als Ziel "eine Funkversorgung möglichst ohne Einschränkungen" vorgegeben. Neben dem optimalen Ort der Anlage komme es unter anderem auf die Höhe und die Ausrichtung der Antennen an, so Kamp. Eine weitere Herausforderung sei in Gräfelfing die optische Verträglichkeit im Sinne des Ortsbildschutzes. "Das Projekt ist so gut wie abgeschlossen und wir können nachweisen, dass es funktioniert", sagt der Enorm-Chef und fügt hinzu: "Dasselbe ließe sich auch in Salzburg verwirklichen, jedoch wäre der Aufwand aufgrund der dichten Bebauung größer." Das wichtigste sei eine "saubere Planung und Berechnung". In Gräfelfing seien an fünf bestehenden Standorten im reinen und allgemeinen Wohngebiet die Bauanträge rückwirkend abgelehnt worden und so die Antennenanlagen aus Sicht der Gemeinde zu "Schwarzbauten" geworden. Da die Gemeinde nicht die Möglichkeit habe, niedrigere Immissionsgrenzwerte selbst festzusetzen, habe sie den Umweg über das Planungsrecht und die Standortzuweisung gewählt. Die Gemeinde strebe bei den Alternativstandorten jedoch einen Konsens mit den Netzbetreibern an.

Die breite Diskussion in Salzburg rund um mögliche gesundheitliche Langzeitschäden des Mobilfunks begann 1998, als Bürgerinitiativen gegen die Errichtung mehrerer GSM-Handymasten von One (Connect Austria) heftig protestierten. One ließ sich auf ein Gespräch mit den Mobilfunkkritikern ein und stimmte am Ende der Forderung zu, das "Milliwatt" bei zwölf Basisstationen einzuhalten. Daraufhin wollte die Stadt Salzburg dieses Modell auf alle Sendeanlagen umlegen, was sämtliche Mobilfunkunternehmen letztlich ablehnten.