Peking.

Wolken am Himmel: Bei den Chinesen wächst der Ärger über Zensur und Selbstzensur. - © APAweb/REUTERS/Carlos Barria
Wolken am Himmel: Bei den Chinesen wächst der Ärger über Zensur und Selbstzensur. - © APAweb/REUTERS/Carlos Barria
Die chinesischen Staatsmedien sind unter strenger Kontrolle der Kommunistischen Partei. Doch in Twitter-ähnlichen Mikroblogs bildet sich heute rasend schnell eine öffentliche Meinung. 200 Millionen Chinesen machen mit. Der Reformdruck auf den Machtapparat wächst.

"Nach drei Jahrzehnten Reform und Öffnung sind die Medien der letzte Bereich, der sich noch nicht geöffnet hat", macht ein kritischer chinesischer Journalismusprofessor keinen Hehl aus seiner Verärgerung über die Zensur. Schon fünfmal wurde sein Konto bei dem "Weibo" genannten Twitter-Klon des populären Portals Sina gelöscht. Jetzt meldet er sich wieder an.

Der Grund für den Eingriff der Zensur: Einmal hatte sich der Pekinger Professor kritisch über den Umgang der Behörden mit dem schweren Zugsunglück am 23. Juli mit 40 Toten geäußert. Ein anderes Mal schrieb er über ein sommerliches Geheimtreffen der Parteiführung im Badeort Beidaihe, wo es um den für 2012 geplanten Generationswechsel ging (Vizepräsident Xi Jinping soll Staats- und Parteichef Hu Jintao ablösen). Nicht nur die Beiträge wurden gestrichen, sondern gleich sein ganzes Konto.

Keine ausländischen sozialen Medien

Ausländische soziale Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube sind in der Volksrepublik China gesperrt. Dafür haben sich die zensierten Mikroblogs chinesischer Anbieter wie Sina oder Tencent explosionsartig entwickelt. Rund 200 Millionen Chinesen - fast jeder zweite der weltgrößten Internetgemeinde - sind mit Computer oder Handy auf den Mikroblogs unterwegs. Vor einem halben Jahr war es erst jeder Zehnte.

Die alten Staatsmedien sind sich der neuen Macht der Kurznachrichtendienste bewusst. Der Wandel hat Folgen für den kommunistischen Machtapparat. Die Propagandabehörden und traditionelle Staatsmedien können den Leuten heute weniger vormachen. Es gebe aber nicht nur Gefahren für das kommunistische System, sondern auch Vorteile, berichtet ein hoher Verantwortlicher einer offiziellen Zeitung. Lokale Politiker nutzten die "Weibo" sogar erfolgreich für ihre Arbeit. Einige seien auf diese Weise sehr populär geworden.

He Hua ist so einer. Der 34-jährige Direktor des Propagandaamtes der fünf Millionen Einwohner zählenden Präfektur Qujing in der südlichen Provinz Yunnan berichtet seit zwei Jahren auf dem Tencent-Mikroblog über die Arbeit der Behörden, beantwortet Bürgerfragen und verbreitet Fotos. Auch mit einem jüngsten Fall von Umweltverschmutzung in Qujing ging He Hua offen um. Mehr als 20.000 Menschen folgen ihm.

Selbstzensur für den Erhalt der Webseite

Um ihre Lizenz nicht zu verlieren, zensieren die Betreiber der "Weibo" sich selbst. Sie haben nicht nur Filtersoftware installiert, sondern beschäftigen auch eine Armee von Leuten, die heikle Beiträge streichen. Teilnehmer an Diskussionen verändern aber ständig die Reizwörter, um Filter zu umgehen, oder verwandeln Text in Fotos um.

In den Mikroblogs entwickelt sich ein Aktivismus von Bürgern, die Missstände anprangern, die Behörden der Lüge überführen oder zu Protesten aufrufen, wie jüngst gegen eine umstrittene Chemiefabrik. Das Internet wächst zur sozialen Plattform heran. Jedoch erwartet der Journalismusprofessor "kurzfristig" wenig Linderung der Zensur. "Die Medien sind vielleicht das letzte Schutzschild für die Legitimität der Regierung", sagt er. "Weil sie aber immer schwerer zu kontrollieren sind, bin ich langfristig optimistisch."