Nachkaufen ist überbewertet
Einen etwas anderen Ansatz hat das Metalab in der Nähe des Wiener Rathauses. Hier stehen auch moderne Produktionsgeräte zur Verfügung, doch die "Geek-Einstellung" wird schon vor der Haustür des Vereinslokals klar. Statt einem Anschlag-Brett findet man hier einen ehemaligen Laptop-Monitor, der in die Tür verbaut ist. In der Eingangshalle stehen Kisten mit Club Mate - eine Limonade, die von Kennern auch gerne "Hackerbrause" genannt wird. In der Werkstatt stehen die schweren Geräte, nebenan sitzen ein paar Mitglieder an ihren Laptops, einer davon schmökert in einem Buch über Programmiersprachen. Schnell wird klar: Das Metalab ist nicht nur eine Produktionsstätte, sondern ein sozialer Treffpunkt. Neben materiellen Basteleien ist man hier auch richtig aufgehoben, wenn man Code-Zeilen statt Werkstoffe verwendet. Während das Happylab ein klares Design hat, findet man im Metalab an jeder Ecke ein Stück der Geschichte des Vereins. "Ich habe selber über ein Jahr gebraucht, bis ich wirklich Alles gefunden habe." Beschreibt Sabina Simonic, Vereinsobfrau die Räumlichkeiten des Labs. Wir nehmen uns eine Hackerbrause und setzen uns in die Bibliothek.

Wiener Zeitung: Bitte erzähl uns etwas über dich und das Metalab.

Sabina Simonic: Das Metalab ist ein öffentlicher Treffpuntk für Technikbegeisterte und Leute, die sich die Dinge etwas genauer anschauen wollen. Das Lab gib es seit 2006, ich selbst bin seit 2009 dabei.

Weißt du, wie das Metalab gegründet wurde?

Simonic: Es gibt den Gründungsmythos mit einer außerirdischen Telefonzelle, die in Wien abgestürzt ist. Ich glaube, es gibt da so viele Antworten wie Leute, die man danach fragt. Ich habe auch schon Vieles gehört aber da ich nicht selbst dabei war, kann ich nicht sagen "so war es".

Euer Vereinslokal liegt fast direkt neben dem Wiener Rathaus – wie seid ihr zu einer so tollen Adresse gekommen?

Simonic: Soweit ich weiß haben sich etwa zehn Leute immer wieder getroffen und bald war klar: "Wir brauchen einen Raum." Ich bin sehr froh über den Platz, den sie hier gefunden haben, denn hier haben wir gemeinsame Wurzeln.

Was machen die Mitglieder, wenn sie hier fertig gearbeitet haben? Gehen sie nach Hause?

Simonic: Ja, ich glaub, das ist es – nach Hause. Ich verbringe hier Abende oder sogar ganze Tage und mich zieht es auch nicht wirklich wo anders hin. Mit Freunden in ein Lokal setzen ist hier und da mal ganz nett aber mein persönlicher Fokus hat sich sehr geändert. Und zwar dahingehend, dass ich etwas mit Freuden machen möchte. Die sind meistens ohnehin hier und wir unternehmen dann etwas im Metalab. Man kann sich auch einfach zusammensetzen und Unterhalten.

Ihr habt hier eine Menge Geräte – darunter einen 3D Drucker, einen Laser-Cutter und eine CNC-Fräse. Wie funktioniert die Anschaffung eines solchen Werkzeuges?

Simonic: Das wird von Mitgliedern und durch Vereinsmittel finanziert. Entweder es gibt genug Interesse bei den Mitgliedern, die sich dann organisieren und neue Geräte kaufen. Die gehören dann der Gemeinschaft, wodurch man besser auf sie aufpasst. Natürlich gibt es auch Leihgaben von Mitgliedern.

Wie viele Mitglieder hat das Metalab?

Simonic: Da die Mitgliedschaft nicht für die Mitarbeit im Lab notwendig ist, kann ich das nur schätzen. Irgendwo zwischen 160 und 170 pendeln wir zurzeit. Durch die Mitgliedsbeiträge bezahlen wir unsere Miete, die Stromkosten und notwendige Anschaffungen.

Wer findet sich so im Metalab?

Simonic: Jeder ist willkommen. Die Leute hier sind Enthusiasten und Menschen, die sich Wissen aneignen wollen. Denen genügt es nicht, daheim vor dem Fernseher zu hocken sondern sie wollen sich selbst verwirklichen. Bastler von jung bis alt findet man hier, aber beim Spektrum könnte man noch etwas machen.

Inwiefern?

Simonic: Wir haben einen  geringen Anteil an Frauen hier. Dem kann man entgegenwirken. Neulich hatten wir erst eine Besprechung bezüglich des sozialen Zusammenlebens. Hier finden sich wenig alte Menschen, wenig Migranten und zu wenige Frauen. Wir sind zwar offener als andere Lokale in Wien aber die Diversität hängt auch hier noch ein wenig nach. Aber wir arbeiten aktiv daran, keine einheitliche Struktur zu haben. Wichtig ist uns auch, dass wir als Verein nicht politisch gesehen werden. Oft werden wir nach Anonymous gefragt, dafür sind wir aber nicht die richtigen Ansprechpartner. Das Metalab möchte keinem seiner Mitglieder eine politische Meinung aufzwingen, wir sind ein Ort für kreativen Ideen-Austausch und für die Umsetzung von Projekten.

Jetzt seid ihr nicht der einzige Hackerspace in Österreich. Da gibt es das Happylab in Wien, den Realraum in Graz und das IT-Syndikat in Inssbruck. Findet ein Austausch mit Vereinen dieser Art statt?

Simonic: Auf jeden Fall. Im August waren wir am Chaos Communication Camp in Deutschland, das haben wir mit unseren Freunden aus Graz organisiert. Einige Leute sind sowohl im Metalab als auch in anderen Hackerspaces Mitglied. Der Wissensaustausch findet national und international auf einer Ebene statt. Außerhalb Österreichs haben wir Kontakt zu der C-Base in Berlin, den New York Resistors,  der San Francisco Noise Bridge oder H.A.C.K. in Budapest. Der Kontakt kommt über einzelne Mitglieder zustande, heuer wurde unweit von hier, in Bratislava ein Hackerspace gegründet, auch dort haben wir Kontakte geknüpft.

Du hast das Chaos Communication Camp angesprochen. Das findet alle vier Jahre in der Nähe von Berlin statt. Warst du dabei?

Simonic: Ja, wir haben dort unser "LeiwandVille 3.0" aufgebaut. Wir waren insgesamt etwa 100 Leute, das war recht groß. Da muss man schon früh einen Platz reservieren. Auf dem Camp gibt es viele interessante Projekte. Wir haben einen "Moonbounce" gemacht – dabei wurde der Mond als Reflektionsfläche für Radiowellen verwendet. Super war auch der Crepe-Roboter, der hat viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das war eine Symbiose zwischen Robotik und etwas Leidenschaftlichem wie Essen. Das Tollste ist aber, dass man so viele Gleichgesinnte treffen kann. Dort lernt man Menschen kennen, an die man sonst nur schwer heran kommt. Der soziale Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Man kann übers Internet schnell Kontakt aufbauen aber wenn man sich für fünf Tage wirklich zusammensetzen kann und gemeinsam etwas unternimmt, das ist doch etwas ganz Besonderes.

Zurück zum Metalab. Ihr veranstaltet auch kostenlose Vorträge und Weiterbildungen – wie kommen die zustande?

Simonic: Unsere monatlich stattfinde Veranstaltung Metaday, zu der Vortragende aus aller Welt eingeladen werden, organisiert eines unserer Mitglieder, die meisten Workshops, Usertreffen und Vorträge werden von unseren Mitgliedern selbst gehalten.  Besonders, wenn jemand oft zu einem gewissen Thema Fragen beantworten muss – dann ist es naheliegend, dass wir eine Veranstaltung dazu machen. Manchmal finden sich auch Gruppen zusammen und möchten sich mit einem Thema beschäftigen, über das sie mehr wissen wollen. Dann wird ein regelmäßiges Treffen organisiert und wir bilden uns gegenseitig weiter. Da ist eine gewisse Selbstständigkeit dahinter.

Was könnte das Metalab an Geräten und Veranstaltungen noch brauchen?

Simonic: Da gibt es immer hundert Sachen, die mir einfallen. Wenn uns etwas einfällt, dann erarbeiten wir es uns. Diese gesellschaftliche Selbstständigkeit ist für uns sehr erstrebenswert – wir handeln, wenn etwas gebraucht wird. Eine Neuerung bei uns ist der neue Raum, den wir gerade umbauen. Unser altes Medienlabor wird zu einer Art "Hacker in Residence". Darin können sich Interessenten einen Monat lang intensiv mit einem Projekt beschäftigen. Was in das Zimmer hinein kommt, bleibt dem Mieter dann überlassen. Wir stellen den leeren Raum und den Rest unserer Werkstatt zur Verfügung.

Wo siehst du die Zukunft der "Do-It-Yourself" Kultur?

Simonic: Die wird noch viel mehr wachsen. Das ist der Logik entsprechend – Menschen wollen wissen, wie etwas funktioniert. Ich glaube, dass die Wegwerf-Gesellschaft nicht wirklich Zukunft hat. Das kann sich einfach nicht bewähren. Darum werden sich Menschen damit auseinandersetzen müssen. Bei uns gibt es Leute, die machen das freiwillig, die fasziniert das einfach. Aber die Leute werden sich fragen müssen "Wie funktioniert mein Gerät?". Weil wenn etwas kaputt geht, ist für uns der nächste logische Schritt, dass wir es aufmachen und es uns ansehen – das ist bei vielen Menschen da draußen nicht der Fall. Oft funktioniert das sogar sehr gut, wenn man sich nur ein wenig damit auseinandersetzt. Kaputte Geräte wegzuwerfen oder Teile teuer neu zu kaufen, das muss einfach nicht sein. Ein Mitglied hat z.B. mit dem 3D-Drucker einen Ofen-Knopf angefertigt, der vom Hersteller teuer nachzubestellen gewesen wäre. Genau darum sehe ich die Szene sehr wachsen und auch von der Industrie her muss das zukünftig akzeptiert werden. Bei vielen Sachen ist eine Reparatur nicht möglich, weil patentierte Technologien das Verstehen des Gerätes nicht ermöglichen. Da muss sich einiges öffnen weil wir nicht mit Geld und Ressourcen draufzahlen, nur damit Profit gemacht wird.