Herbarien sind Geburtenregister für Pflanzenarten - und können auch online abgerufen werden. - © APAweb / AP / Kirsty Wigglesworth
Herbarien sind Geburtenregister für Pflanzenarten - und können auch online abgerufen werden. - © APAweb / AP / Kirsty Wigglesworth

Wien. Pflanzen sammeln und pressen, das mutet aus heutiger Sicht wie ein untergegangenes Hobby aus dem 19. Jahrhundert an. Im Zusammenspiel mit dem Internet bekommt es jedoch gleich wieder einen Sinn.


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JSTOR
Virtual Herbaria
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Weltweit existieren zum Teil jahrhundertealte Sammlungen getrockneter und gepresster Pflanzen in Museen und Wissenschaftseinrichtungen. In solchen Herbarien finden sich auch zahlreiche Typusbelege, eine Art Geburtsurkunde, die bei der Benennung einer Pflanze angelegt wurde.  Im Rahmen der internationalen "Global Plants Initiative" wurden in Herbarien auf der ganzen Welt bisher 1,5 Millionen solcher Typusbelege gescannt und digital verfügbar gemacht. In Österreich nehmen das Naturhistorische Museum Wien (NHM) und das Botanische Institut der Universität Wien an der Initiative teil.

Insgesamt werden 270 Institutionen weltweit von der US-amerikanischen A.W. Mellon-Stiftung bei der Digitalisierung von Herbarien unterstützt. Seit 2005 werden auch die Wiener Pflanzensammlungen gefördert und haben in diesem Rahmen bisher knapp 40.000 Typusbelege digitalisiert. 2013 erhält das NHM 615.000 US-Dollar (460.000 Euro) von der A. W. Mellon-Stiftung und kann damit Tausende weitere Belege digital erfassen.

Die im Rahmen der "Global Plants Initiative" digitalisierten Belege werden über das kostenpflichtige Online-Archiv der Organisation JSTOR der Fachwelt zugänglich gemacht. Frei und allgemein zugänglich sind rund 81.000 Typusbelege über die in Wien entwickelte Datenbank "Virtual Herbaria", die auch von anderen Herbarien für die Präsentation von digitalen Scans genutzt wird.

Das Scannen selbst sei nicht die Herausforderung, "die intellektuelle Leistung ist, Typusbelege als solche überhaupt zu erkennen und die teilweise handschriftlichen und kryptischen alten Etiketten zu interpretieren", sagte der Leiter der Botanik-Abteilung im NHM, Ernst Vitek, im Gespräch mit der APA.

Auch wenn das Sammeln gepresster Pflanzen für Laien antiquiert anmutet, sieht Vitek vielfältige Anwendungen für Herbarien. Einerseits seien sie aus taxonomischen Gründen notwendig: Bevor eine neue Pflanze benannt wird, müsse sie mit vorhandenen Belegen verglichen werden. Früher habe es bis zu einem Jahr gedauert, bis man weltweit in Institutionen nach Belegen gesucht habe. Mittlerweile könne man einfach in der Datenbank recherchieren, "das ist für die Wissenschafter eine unheimlich positive Ressource". Zudem würden sich Herbarien - so die Daten digitalisiert vorliegen - gut auswerten lassen. Dies sei etwa interessant, um Aussagen über Veränderungen des Bestandes zu treffen, etwa im Zusammenhang mit der Einwanderung fremder Arten (Neophyten) oder mit dem Klimawandel.

Die Botanische Abteilung des NHM Wien umfasst rund 5,5 Millionen Belege aus der ganzen Welt, darunter zahlreiche historisch bedeutende. Sie stammen nicht nur von eigenen Expeditionen, sondern auch aus einem intensiven Tauschverkehr mit anderen Instituten. Obwohl im Zweiten Weltkrieg etwa ein Sechstel der Sammlung zerstört wurde, gehört das Herbar des NHM aufgrund der großen Anzahl von mehr als 200.000 Typusbelegen zu den wichtigsten Sammlungen der Welt.