"Your life in your pocket" - so bezeichnete Steve Jobs das erste iPhone. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, welchen Einfluss Apple an diesem Tag auf die kommenden Jahre in der Technologiebranche nehmen würde. Ständig alle Informationen in der Hosentasche herumzutragen, mag auf den ersten Blick vielleicht verlockend klingen. Der Autor Helmut Spudich, ehemals Unternehmenssprecher der Magenta Telekom, sieht das aber kritisch. Bei der Präsentation seines Buchs "Smartphone - der Spion in meiner Tasche?" (edition a) im MAK Future Lab warnte er vor den Gefahren, die das moderne Handy mit sich bringt.

Die Entwicklung ist beim Smartphone rasanter vorangegangen als bei jeder Technologie zuvor. Gerade diese schnelle Dynamik sei es aber, die uns zur Vorsicht mahnen sollte, sagt der Autor. Innovationen sind spannend und wecken zu Recht Begeisterung. Gerade wenn es um den Umgang mit sensiblen Daten geht, sei es aber wichtig, nichts zu überstürzen. Ein Einblick in die Privatsphäre muss eben gut überlegt sein.

"Schaltpausen" für Europa

Spudich wünscht sich daher "Schaltpausen" auf europäischer Ebene. Ein temporärer Stillstand könnte eine Reflexion über neue Technologien anregen, bevor diese der breiten Masse zur Verfügung gestellt werden. Die Realität sieht anders aus. Der Einsatz von Ortungsdaten steht bei der Verfolgung von Verdächtigen bereits auf der Tagesordnung. Was passieren kann, wenn dabei etwas schiefgeht, zeigte sich am Beispiel eines US-Amerikaners: In Phoenix wurde ein Mann aufgrund seines virtuellen Fußabdrucks festgenommen. Laut Google hatte er sich zum Zeitpunkt eines Mordes als einzige Person in der Nähe befunden. Im Nachhinein stellte sich der Verdacht als falsch heraus.

Auch virtuelle Sprachassistenten wie Alexa, Siri und Co. würden viel zu schnell auf den Markt drängen, sagt Spudich. Immerhin machen die Entwickler kein Geheimnis daraus, dass der Computer "HAL" aus Stanley Kubricks "Odyssee im Weltraum" ihnen als Vorbild gedient hat. Die Künstliche Intelligenz wendet sich im Film gegen die Besatzung des Raumschiffs. Die Hersteller der Sprachassistenten behaupten zwar, dass ihre Produkte sicher seien und sich nur bei Nennung des jeweiligen Aktivierungskennworts einschalten. Sprachprotokolle beweisen jedoch das Gegenteil. Trotz dieses Eingriffs in die Privatsphäre steht Alexa immer noch in unzähligen Wohnzimmern.

Die Bereitwilligkeit, mit der wir unsere Daten zur Verfügung stellen, ist laut Spudich eine rein natürliche Entwicklung. Moderne Geräte sind darauf ausgelegt, dass wir Informationen über uns preisgeben. Beim "Surveillance Design" wird der Nutzer gezielt dazu angeregt, Inhalte zu teilen. Sozial Medien verstärken diese Dynamik zusätzlich: Obwohl sich viele Nutzer vor Überwachung fürchten, posten sie fleißig Urlaubsschnappschüsse.

Komplizierte Beziehung

Der Grat zwischen Gebrauch und Missbrauch ist schmal. Spudich weist darauf hin, dass Überwachungstechnologie auch großes Potenzial birgt. Die Analyse des Nutzerverhaltens kann etwa bei der Suizidprävention helfen. Auch bei einem virtuellen Hilferuf sollen in Zukunft Personen in der Nähe verständigt werden, die über eine medizinische Ausbildung verfügen. Nach schweren Unfällen soll bald eine Spyware das Handy übernehmen und Zugriff auf die Kamera und andere Funktionen erhalten. So wird es Medizinern ermöglicht, die Umwelt am Unfallort zu analysieren und den Opfern erste Anweisungen zu geben. In den richtigen Händen kann eine Überwachungssoftware also auch Leben retten.

Was bedeutet das aber für unseren Umgang mit dem Smartphone? Gibt es einen sicheren Weg, die Technologie zu nutzen? Wer sich vom Google-Konto abmeldet, Einstellungen anpasst und gründlich abwägt, welche Apps vertrauenswürdig sind, ist laut Spudich auf einem guten Weg. Er selbst sei ein fleißiger iPhone-Nutzer. Auch die Stopp-Corona-App hat er installiert und appelliert sogar, es ihm gleichzutun. Die Anwendung sei nämlich explizit darauf ausgelegt, keine Daten zu sammeln. Der Zahlenschlüssel enthält keinerlei Informationen über die Identität der Nutzer. Sein Smartphone hat Spudich jedenfalls während des gesamten Vortrags in greifbarer Nähe vor sich auf dem Tisch liegen. Die Beziehung scheint also kompliziert, aber nicht unmöglich.