Es rumort gewaltig in der Welt der App-Stores und ihrer milliardenschweren Umsätze. Experten erwarten nichts weniger als eine wahre Disruption und einen Zusammenbruch bisheriger Geschäftsmodelle oder aber, sollte dies nicht eintreten, zumindest jahrelange Rechtsstreitereien und langwierige Monopolverfahren. Der Stein des Anstoßes liegt in der Höhe der Gebühren, die die Plattformanbieter, wie Apple, Google und Co. einheben. Nun begehrt ein Spieleriese dagegen auf und versammelt unzufriedene Onlinekonzerne um sich.

"Die sind Richter, Geschworene und Henker auf ihrer Plattform, man kann es nehmen oder es lassen", so Any Yen, Chef des Schweizer E-Mail-Dienstleisters ProtonMail, in einem Interview. Er untermauerte damit seine Aussagen vor dem US-Kongress, laut denen der iPhone-Hersteller seine Firma gezwungen habe, die eigentlich weitgehend kostenlose App mit In-App-Verkäufen auszustatten. Eine "faire Anhörung" existiere einfach nicht. "Alles, was die sagen, geht. Es gibt vieles in diesem Bereich, vor dem man Angst haben muss. Die Leute fürchten sich total davor, etwas zu sagen." Es sei eine "übliche Praxis", dass der Konzern sich Apps näher ansehe, die hohe Uploads und Downloads hätten. "Und dann, so wie bei jeder guten Mafiaerpressung, kommen sie an und filzen einen nach Geld."

Goliath gegen Goliath

Den Stein ins Rollen brachte der US-Spielehersteller Epic Games, der hinter dem sehr erfolgreichen Titel "Fortnite" steht. Der Streit entbrannte, nachdem sich Epic nicht mehr an die seit mehr als einem Jahrzehnt geltende Vorgabe halten wollte, dass virtuelle Artikel in dem Spiel auf iPhones und iPads nur über das System der In-App-Käufe von Apple angeboten werden können. Dabei behält Apple 30 Prozent des Kaufpreises ein - wie übrigens auch alle anderen Plattformanbieter, siehe Grafik. Epic versuchte, durch die Hintertüre ein eigenes Bezahlsystem im Spiel zu installieren, was es aber aufgrund der App-Store-Regeln Apples nicht durfte, und wurde daraufhin aus dem Markt geworfen. Man traf sich vor dem kalifornischen Bezirksgericht, wo vor wenigen Tagen ein Eilantrag des Entwicklers zurückgewiesen wurde, mit dem dieser die Wiederaufnahme seines beliebten Spiels "Fortnite" in den App-Store von Apple erzwingen wollte. Die Verluste, die Epic Games durch den Ausschluss aus dem App-Store erleide, seien eine "selbst zugefügte Wunde", erklärte die Richterin. Der Spieleentwickler könne "Fortnite" zurück in den App-Store bringen, indem es Apples Bezahlsystem nutze. Es gebe keinen Anlass für eine Eilentscheidung vor dem eigentlichen Prozess, betonte die Richterin. Dieser wird vermutlich nicht vor Juli kommenden Jahres beginnen.

Was nun folgt, sind Allianzen und Schulterschlüsse auf beiden Seiten. Während auch andere App-Entwickler versuchen, Druck auf Apple und Google als Betreiber der großen Smartphone-Plattformen aufzubauen und die "Coalition for App Fairness" gründeten, erklärte Google, dass alle In-App-Käufe in seiner Download-Plattform Play Store über sein hauseigenes Bezahlsystem laufen müssen - bei dem die Abgabe von 30 Prozent fällig wird. Damit rückt Google näher zur Position von Apple. Bisher konnte zum Beispiel Spotify in der Play-Store-App den Umweg über ein anderes Bezahlsystem anbieten. App-Entwickler bekommen eine Übergangsfrist bis zum 30. September kommenden Jahres eingeräumt. Im Falle von Spotify zeigt sich auch, wie ein Problem entstehen kann. Aufgrund der hohen Gebühren im App-Store hatte das Unternehmen seine Preise von 10 auf 13 Dollar erhöht, wenig später brachte Apple selbst seinen Musikdienst mit einem Preis von 10 Dollar. Aus Sicht der Plattformanbieter gibt es ein unglückseliges Zusammentreffen mehrere Gründe, die nun zu einer Palastrevolution führten. Zum einen die Monopol- oder Quasi-Monopolstellungen, die nun erstmals auch in den USA ernsthaft hinterfragt und untersucht werden und dadurch den öffentlichen Blick auf die Gebührenstrukturen lenken. Weiters mischen die Plattformbetreiber immer mehr abseits ihres Kerngeschäfts herum und treten so in direkte Konkurrenz zu ihren App-Kunden. Auch die Corona-Krise ist ein Faktor - denn einerseits brechen die Smartphoneverkäufe ein, zum anderen verdienen App-Hersteller, gerade im Unterhaltungsbereich mehr Geld, wollen aber weniger teilen, da unsichere Zeiten drohen. So nahm Epic mit dem an sich kostenlosen Spiel "Fortnite" im Jahr 2019 1,8 Milliarden Dollar ein. Apple verdiente am Verkauf digitaler Güter in seinem App-Store 19 Milliarden bei gesamt rund 63,4 Milliarden Dollar und Google sammelte vom 33,8-Milliarden-Dollar-Markt gute 10 Milliarden an Gebühren ein, so die Analysten von Sensor Tower.

Prognosen, wie es weitergeht, sind schwer. Wie brüchig die Allianz der Plattformanbieter ist, zeigt sich daran, dass Apple versucht, auch Microsoft und Google bei seinen Spiele-Streaming-Angeboten einzufangen, um an deren Kuchen mitzuschneiden. Auch könnte jeder Hersteller eigene Shops und Plattformen betreiben, ein Irrsinn, auch für die Kunden.

Am Ende werden vermutlich dann doch die Urteile der letzten Instanzen über die Zukunft in der App-Welt entscheiden müssen, denn die Standpunkte gehen weit auseinander. So wollen die App-Hersteller, wenn überhaupt, dann nur gestaffelte Prozentschranken, etwa von 5 bis maximal 25 Prozent, während ein Apple-Manager in einer E-Mail bereits meinte, man solle doch darüber nachdenken in Zukunft 40 Prozent an Gebühren einzuheben.