Was verbindet politisch Verfolgte und Weltverschwörungstheoretiker? Impfkritiker, Kryptowährungsbefürworter und Pädophile, wie auch Menschenrechtsaktivisten? Die Antwort: der Nachrichtenmessenger Telegram. Nicht nur, aber vor allem seit der Corona-Krise und den Datenschutzdiskussionen in aller Munde, erfreut sich der Nachrichtendienst stetiger Beliebtheit, aber auch immer heftigerer Kritik. Grund genug, sich das Tool und dessen Geschichte einmal näher anzusehen.

Am Anfang standen zwei Brüder. Nikolai und Pawel Durow gründeten Telegram bereits im Jahr 2013. Während Nikolai eher als der medienscheue, ruhige Informatiker gilt, ist Pawel bekannter und trat öfter auch öffentlich in Erscheinung.

Erfolg und Auswanderung

Gegründet wurde Telegram 2013 von den russischen Brüdern Nikolai und Pawel Durow (hier im Bild). - © getty images / Steve Jennings
Gegründet wurde Telegram 2013 von den russischen Brüdern Nikolai und Pawel Durow (hier im Bild). - © getty images / Steve Jennings

Vor Telegram starteten die Brüder das meistgenutzte russische soziale Netzwerk Vk.com - was dazu geführt hat, dass man Pawel Durow oft als russischen Mark Zuckerberg bezeichnet. Es ist nicht bekannt, ob dieser Vergleich die beiden Manager erfreut, feststeht aber, dass Durow 2014 gezwungen war, sein Unternehmen einem Putin-Vertrauten zu überlassen. Er ist seither nicht nach Russland zurückgekehrt. Seit wenigen Tagen hat der russische Technologie-Konzern VK einen neuen Chef, Wladimir Kirijenko, den 38-jährigen Sohn von Sergej Kirijenko, der als Vizechef der Präsidialverwaltung und für die Innenpolitik zuständig ist und einen Schlüsselposten im Kreml innehat.

Aber zurück zu den Brüdern Durow. Nikolai Durow schrieb das Protokoll MTProto, auf dem Telegram basiert, Pawel stellt die finanzielle Basis bereit. Telegram ist eine kostenlose App, die es den Anwender ermöglicht Textnachrichten, Sprachnachrichten, Fotos, Videos und Dokumente austauschen sowie Sprach- und Videotelefonie zu verwenden. In Zukunft soll die Finanzierung im Rahmen von Werbeanzeigen in den Kanälen erfolgen, während private Unterhaltungen sowie Gruppen dauerhaft frei von Werbung bleiben sollen und eine kommerzielle Ausrichtung des Dienstes abgelehnt wird, heißt es zumindest offiziell.

Durows Vision für die App ist es, eine Plattform zu sein, auf der so viele Menschen wie möglich kommunizieren und Informationen frei austauschen können. Und niemand soll sie beeinflussen können - nicht einmal Regierungen. Das ist zumindest der einhellige Konsens mehrerer Kollegen. "Im Grunde sieht sich Durow als Ingenieur seines eigenen Universums", sagt Nikolai Kononow, Autor eines Buches über den Telegram-Gründer. Durows Faszination für den Film "Matrix" und seine Hauptfigur, den Hacker Neo, passt gut dazu. Seine Begeisterung für den Film war so groß, dass er sich schließlich ganz in Schwarz kleidete, genau wie Neo. Als er bei seiner Matura 2001 gefragt wurde, wo er sich in zehn Jahren sah, antwortete er: "Ich möchte ein Internet-Totem sein."

Nach eigenen Angaben handelt es sich bei der Telegram Messenger LLP (Personengesellschaft nach britischem/US-amerikanischem Recht) um ein unabhängiges Non-Profit-Unternehmen, das seinen Sitz derzeit in Dubai hat, nachdem man bereits Standorte in Russland, Berlin, London und Singapur ausprobiert hatte. Durow hat zudem eingetragene Firmen auf den Virgin Islands und Belize, ist Milliardär und bezeichnet sich selbst gerne als digitalen Nomaden. Der "New York Times" erklärte er im Jahr 2014: "Ich bin kein großer Fan der Idee von Staaten." Dies dürfte auch im Umgang Putins mit unliebsamen Milliardären begründet sein, immerhin vertrieb man zunächst den Gründern und verbot dann auch Telegram in Russland. Danach wurde der Dienst vor allem als Nachrichtendienst des IS bekannt und kritisiert.

In Europa explodierten die Nutzerzahlen regelrecht, als WhatsApp umstrittene, allerdings in Europa eigentlich nicht anwendbare neue Nutzungsbedingungen bekanntgab und die Querdenker-Welle aus den USA, nachdem sie von den zuvor genutzten Plattformen - Facebook, WhatsApp oder Twitter - ausgesperrt wurden, mit Telegram eine neue Heimat suchten und fanden. Besonders die Themen Datenschutz, Sicherheit und Überwachung spielten dabei eine wesentliche Entscheidung. Immerhin schaffte es Telegram, sich als unkontrollierbare und sichere Plattform zu etablieren, die somit unbeschränkte Meinungsfreiheit garantieren würde.

Doch ganz so ist die Sache nun auch wieder nicht. Zum einen sind strafbare Inhalte natürlich überall strafbar - auch im Internet oder in Messengerdiensten, etwa die Aufrufe zur Gewalt oder Morddrohungen gegen Politiker in Deutschland in den letzten Wochen. Und immer wieder werden Identitäten von Straftäter aufgedeckt. Zum anderen können alle privaten Chats mitgelesen werden und intime Inhalte in sehr dubiosen Ecken der Welt landen. "Telegram ist der unsicherste Messenger, der derzeit herumgereicht wird, Sicherheit wird nur vorgegaukelt. Denn bis heute ist unklar, wer die Telegram-Server wo betreibt", so SWR3-Onlinechef Stefan Scheurer. Es ist mittlerweile auch bekannt, dass alle Chats und selbst Tastatureingaben auf Telegram-Servern landen und ausgewertet werden können - ob mit oder ohne Erlaubnis von Telegram. Wer Telegram auf dem Handy nutzt, holt sich einen echten Datenschutz-Albtraum aufs Handy, so die Sicherheitsexperten. Wie auch schon bei Facebook mit bescheidenem Erfolg, versuchen Regierungen weltweit, bei Telegram die Sperre oder Löschung bedenklicher und verbotener Inhalte zu erreichen. Bislang lehnte man dies offiziell stets ab.

Das Unternehmen selbst schreibt zum Thema Datenanfragen von Drittparteien: "Bis zum heutigen Tag haben wir 0 Byte Nutzerdaten an Dritte weitergegeben, einschließlich aller Regierungen." Die Daten aus den Cloud-Chats würden "in mehreren Rechenzentren rund um den Globus gespeichert, die von verschiedenen juristischen Personen verteilt auf mehrere Gerichtsbarkeiten gesteuert werden". Schlüssel und zugehörige Daten würden nie am selben Standort gespeichert. Um Telegram zu einer Offenlegung von Daten zu zwingen, müssten demnach Gerichtsbeschlüsse aus mehreren Ländern einheitlich die Herausgabe anordnen, so die Anbieter. Telegram sei insgesamt DSGVO-konform. Beschwerden zu öffentlichen Beiträgen wie Bots, Kanälen oder Sticker-Paketen würden allerdings auf Anfrage überprüft und gegebenenfalls entfernt. Telegram arbeitet zudem mit Europol zusammen.

Es wird sich zeigen, ob die Behörden und die sozialen Netzwerke hier noch auf einen grünen Zweig kommen und es in Zukunft schnellere Reaktion der Unternehmen geben wird. Russland und China haben sich entschlossen, die Dienste komplett zu verbieten, aber dies kann auch nicht das erstrebenswerte Ziel und der Weisheit letzter Schluss sein.