Der Homo digitalis hat den Homo sapiens längst abgelöst: Die Menschen reden kaum noch direkt miteinander, sondern hauptsächlich per Internet oder das Handy. - © Andreas Pessenlehner
Der Homo digitalis hat den Homo sapiens längst abgelöst: Die Menschen reden kaum noch direkt miteinander, sondern hauptsächlich per Internet oder das Handy. - © Andreas Pessenlehner

Wien. Ist es noch zutreffend, den Menschen angesichts des rasanten technischen Fortschritts durch Computer, Internet und Handy noch als Homo sapiens, also als "weisen Menschen", zu bezeichnen? Peter Kampits, Professor am Institut für Philosophie an der Universität Wien, findet das nicht. Wie er vor kurzem im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Schöne Neue Welt - Wie der Computer unser Leben verändert" in Wien erklärte, sei die Menschheit mit dem Ende des 20. Jahrhunderts "beim Homo digitalis angelangt".

Zwar sei der Mensch im Unterschied zum Tier immer schon immer auf konkrete "technische Prothesen" wie Kleidung, Werkzeug, Feuersteine oder eben die Sprache angewiesen gewesen. Eine derartige Revolution, wie sie durch das Aufkommen des Computers ausgelöst wurde, habe es in der Geschichte der Kommunikation seit der Erfindung des Buchdrucks nicht mehr gegeben, meinte er. "Was wir erleben, ist das ständige Ersetzen von Kommunikation durch digitale Kommunikation."

Soll heißen: Die Menschen reden nicht mehr direkt miteinander, sondern bedienen sich vielfach nur noch des Internets oder des Handys. Was mitunter auch Auswirkungen auf die Sprache habe, ergänzte Kampits. Schließlich müsse diese immer mehr mit der "Hyperrealität der Codes", die in Chatforen und in sozialen Netzwerken dominiere, konkurrieren.

Aus "Sehr geehrter Herr . . ." ist ein "Hallo" geworden

Dass in Zeiten von Email und Facebook vor allem die Sprache gelitten habe, dieser Ansicht ist auch der Medienwissenschafter Rainer Maria Köppl. Sichtbar werde der Verlust der Form etwa anhand der alltäglichen schriftlichen Kommunikation mit den Studenten. "Früher leitete man eine Nachricht mit Spectabilis, sehr geehrter Herr Professor‘ ein, heute heißt es in den Emails einfach nur Hallo‘", erklärte der Experte, der als Universitätsprofessor am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft lehrt.

Ja nichts angreifen versus Touch-Screen-Generation

Neben der Ausdrucksform hat es laut Köppl auch in der Erziehung einen durch die Medien beeinflussten Paradigmenwechsel gegeben, der heute die Menschen etwas ratlos zurücklasse. "Vor zwanzig Jahren musste man in der Schule zur Strafe Dutzende Male ein und denselben Satz auf die Tafel schreiben, im Zeitalter von Copy und Paste geht das nicht mehr." Ähnliches gilt auch für das Handy: Habe es früher noch geheißen, man soll mit den Fingern ja nichts anrühren "und nur mit den Augen schauen", so sei es nun durch das Aufkommen des Touch-Screens zu einer "Ikonisierung" des einstigen Verbots gekommen. Womit den pädagogischen Inhalten letztendlich das Medium abhanden gekommen sei, folgerte der Wissenschafter.