Das Internet vergisst nichts, heißt es. Und es gibt viele erschreckende Belege für diese These. Unbedachte Äußerungen und bedenkliche Bilder verfolgen ihre Urheber oft jahrelang. Deshalb möchte die EU-Kommission ein Bürgerrecht auf Vergessen durchsetzen, und der Beifall von Datenschützern ist ihr für diese Initiative sicher.

Es existiert aber auch das entgegengesetzte Problem: Das Internet vergisst vieles. Wenn jemand den Löschknopf drückt oder den Server vom Netz nimmt, sind die Daten ganzer Websites für immer dahin. Und mit ihnen Facetten der historischen Wahrheit, die sich auch in Blogs und Foren, News-Sites und Videoaufnahmen manifestiert. Für ein einwandfreies Netz-Gedächtnis sind konsensfähige Routinen für das Löschen und das Speichern gleichermaßen wichtig.

Einer Studie der US-amerikanischen Old Dominion University mit dem klingenden Namen "Losing My Revolution" zufolge ist gerade das Verschwinden dramatisch. Die Wissenschafter untersuchten sechs Großerereignisse der letzten drei Jahre und kamen zu einem alarmierenden Resultat: Die Merkfähigkeit des Internet schwindet so schnell, wie die Zeit vergeht. Ein Viertel der 2009 in sozialen Medien verlinkten Websites und Dokumente zum Aufstand in Ägypten etwa ist bereits der digitalen Amnesie zum Opfer gefallen.

Eine der bekanntesten Initiativen gegen die Netz-Vergesslichkeit ist das "Internet Archive": Das gemeinnützige US-Projekt möchte der Nachwelt Web-Sites erhalten, die andernfalls für immer verloren wären. Seine Sicherungskopien des Internet enthalten zum Beispiel auch alte Webseiten der "Wiener Zeitung", die seit 1995 online ist.

Die Handhabung ist unkompliziert: Wenn man bei archive.org die Webadresse www.wienerzeitung.at eingibt und den "Take Me Back"-Button klickt, erscheint ein Kalender der verfügbaren Ausgaben. Die Homepage der "Wiener Zeitung" vom 2. März etwa kündet von den Bemühungen der damaligen Regierungspartei FPÖ, gerichtlich gegen die Betreiber einer Parodie-Site vorzugehen. Die "Wiener Zeitung" erschien online der damaligen Design-Mode entsprechend in intensiven, aber websicheren Farben und war reichlich mit 3-D-Buttons garniert.

Die Chronologie bei archive.org weist allerdings beträchtliche Lücken auf. Damit zukünftige Forscher nicht vor einem schwarzen Loch stehen, wenn sie in die Vergangenheit schauen, haben Europas Gedächtnisinstitutionen vor einigen Jahren damit begonnen, die Bits und Bytes ihrer nationalen Web-Sphären systematisch einzusammeln. Die Österreichische Nationalbibliothek etwa archiviert relevante österreichische Websites im "Web@rchiv Österreich". Wer in dem digitalen Speicher stöbern möchte, muss sich dafür zu den Terminals in der Nationalbibliothek oder anderen Bibliotheken begeben.

Der Webdienst archive.org ist über das Internet zugänglich - und hat mit den typischen Problemen zu kämpfen, die eine webbasierte Nutzung mit sich bringt. In den USA hat das Archiv den Status einer Bibliothek und ist deshalb berechtigt, alle Arten von Dokumenten einzusammeln. Rechtlich problematisch wird das Archivieren dann, wenn Dokumente außerhalb der USA in die Sammlung aufgenommen werden - dann gelten die Urheberrechtsgesetze des jeweiligen Landes.

Dennoch hat das Archiv beeindruckende Datenmengen angehäuft. Das Crawlen läuft über den Online-Dienst Alexa, einer Amazon-Tochter. Mehr als 2,7 Milliarden Webadressen wurden bereits indiziert, mehr als 150 Milliarden Webseiten lagern auf den Serverfarmen. Die Gesamtmenge an Daten beläuft sich auf mehr als drei Petabyte, jeden Monat kommen 100 Terabyte dazu.



Links
Studie Losing My Revolution
http://archive.org/
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