Wir können aber beobachten, dass sich die Piraten selbst zerlegen. Sie scheinen es auch nicht zu schaffen, eine Perspektive für wichtige politische Fragen - etwa die Euro-Krise - zu entwickeln. Daher habe ich das Gefühl, dass das Momentum für die Piraten fast schon wieder vorbei ist.

Die europäischen Institutionen haben besondere Schwierigkeiten in der Kommunikation mit dem Bürger. Warum gelingt es nicht, die "Brussels-Bubble", die Brüsseler Blase, zu durchstoßen?

Weil es wirklich anstrengend ist, jedes Thema auch auf die lokale Ebene herunterzubrechen, den Menschen klarzumachen, warum dieses oder jenes Thema eine wichtige Frage ist, die sie direkt betrifft. Gelegentlich habe ich das Gefühl, dass das Gerede von der Komplexität der Themen, aber auch die Verwendung des "Eurospeak" - also des allgemein nicht verständlichen Kauderwelsch an Abkürzungen und Fachbegriffen - als eine Art Schutzschild aufgebaut wird, hinter dem man sich wunderbar verstecken kann. Aber: Wir haben zuletzt die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, dass die Bürger sich mit der Entität namens Europäische Union verbunden fühlen. Anders gesagt: Wir haben aus den vergangenen Jahren gelernt, dass man sich die Mühe machen muss, die Dinge zu erklären. Wenn man politische Fragen nicht herunterbricht, verselbstständigen sie sich.

Kommunizieren die europäischen Institutionen zu wenig?

Quantitativ passiert viel. Ich glaube aber, dass viel von dem, was da kommuniziert wird, im wahrnehmungsfreien Raum verpufft.

Wessen Schuld ist das?

Die Kommission bemüht sich nicht, die Dinge so beim Namen zu nennen, dass man’s versteht. Manche Journalisten bemühen sich zu wenig darum, ihre intermediäre Funktion wahrzunehmen, die Dinge für die Bevölkerung zu übersetzen. Und die Bürger bemühen sich auch nicht genug darum, sich wirklich klarzumachen, dass in Brüssel 80 Prozent der für ihr Leben relevanten Entscheidung getroffen werden und nicht in den Ländern. Von allen drei Parteien würde seinen enorme Anstrengung verlangen, die Situation zu verbessern.

Die Macht der Internet-Konzerne wächst. Was kann der Konsument gegen Giganten wie Google oder Apple ausrichten?

Wir Anwender haben User-power. Wenn sich hunderttausende von Nutzern dazu entscheiden würden, ein Produkt, eine Site zu boykottieren, dann könnten wir Verhaltensänderungen erreichen. Jeder Nutzer muss sich darüber klar werden, dass er selbst eine Verantwortung hat, sich kundig zu machen. Die Freiheit, die wir im Netz für uns in Anspruch nehmen wollen, ist verbunden mit einer Verantwortung, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen.

Oder sich ganz dem Cyberspace zu verweigern ...

Diese Haltung, die wir häufig finden - "Ich bin Abstinenzler, ich will mit dem ganzen Kram nichts zu tun haben!" - das halte ich für eine verantwortungslose Einstellung gegenüber sich selbst und auch gegenüber der Realität. Das ist ja unsere Welt und die ist inzwischen ja auch digital.