Bad Hersfeld/Leipzig/Seattle. In Deutschland stehen alle Pakete beim Internet-Versandhändler Amazon still. Das wünscht sich zumindest die Gewerkschaft ver.di , die die Belegschaft am größten deutschen Standort im osthessischen Bad Hersfeld und in Leipzig am Dienstag zu einer ganztägigen Protestaktion aufrief. ver.di fordert von Amazon, einen Tarifvertrag nach den Konditionen des Einzel- und Versandhandels zu akzeptieren. Amazon orientiert sich derzeit an der Bezahlung in der Logistikbranche. Für die einzelnen Beschäftigten würde der Umstieg auf den Tarifvertrag des Einzel- und Versandhandels laut Gewerkschaft bis zu 9000 Euro brutto im Jahr ausmachen.

Das Unternehmen beharrt auf dem Logistik-Tarifvertrag: "Amazons Versandzentren sind Logistikunternehmen, die Kundenbestellungen ausführen. Mitarbeiter der deutschen Logistikzentren liegen mit ihrem Einkommen am oberen Ende dessen, was in der Logistikindustrie üblich ist."

Einstimmiger Beschluss
In Bad Hersfeld sind rund 3300, in Leipzig etwa 2000 Mitarbeiter beschäftigt. Bei einer Urabstimmung hatten sich 97,6 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder bei Amazon in Bad Hersfeld für den Arbeitskampf ausgesprochen. Zuvor hatten bereits Anfang April 97 Prozent der teilnehmenden, gewerkschaftlich organisierten Amazon-Mitarbeiter für einen Streik in Leipzig gestimmt. Zu Warnstreiks war es in beiden Amazon-Versandlagern in Bad Hersfeld bereits am 9. April gekommen.

In Bad Hersfeld legten am Vormittag nach Gewerkschaftsangaben 600 Beschäftigte die Arbeit nieder, in Leipzig 300. Bereits zeitig in der Früh herrscht ein ohrenbetäubender Lärm vor dem großen Versandzentrum von Amazon, das an der Autobahn 4 in Osthessen liegt. Die Streikenden tragen gelbe Westen (Aufschrift: Tarifverträge schützen!), pusten kräftig in Trillerpfeifen und schwenken rot-weiße Fahnen. Es gibt aber auch viele Beschäftigte, die wortlos an ihnen vorbei zur Arbeit gehen. Ähnlich ist das Bild in Leipzig: Trillerpfeifen, laute Musik. Hier wurde vor dem Versandzentrum sogar eine Spur des vielbefahrenen Autobahnzubringers zur A 14 mit städtischer Genehmigung gesperrt.

"Wir sind aber sehr zuversichtlich, die Betriebsabläufe empfindlich beeinträchtigen zu können." Verbraucher müssten damit rechnen, dass Bestellungen womöglich später als erwartet kommen, erklärte ver.di-Streikleiter Heiner Reimann. Der Gewerkschafter forderte Amazon auf, sich an den Verhandlungstisch zu setzen.

Das in der Öffentlichkeit eher zurückhaltende US-amerikanische Unternehmen war zu Jahresbeginn in Deutschland wegen seiner Behandlung von Leiharbeitern in die Kritik geraten.