Das 21. Jahrhundert bringt die unerwartete Rückkehr von Rittern, Abenteurern, Zauberern, Schamanen. Deren Mission: die Welt retten. Die Hasardeure der Zukunft tragen indes keine mittelalterlichen Rüstungen, sondern sind an High-Tech-Endgeräte gebunden. Zur Grundausstattung gehören bestimmte Sportbrillen, die es in keinem Geschäft zu kaufen gibt und die nur dem überreicht werden, der Teil der verschworenen Gemeinschaft wird: Die sogenannte HUD-Brille ist die Eintrittskarte ins Darknet, via Minicomputer sind die Mitglieder, genannt HUD-Agenten, quasi wie durch eine Nabelschnur mit dem Schattenreich des Internets verbunden, erhalten Informationen und Befehle - sogenannte "Threads" - vom scheinbar allwissenden Computerprogramm Daemon.

Gejagte Fondsmanager

Nämliche Grundsituation, bei der sich die Protagonisten letztlich wie Figuren aus Multiplayer-Online-Games verhalten, zieht sich durch Daniel Suarez’ zweibändigen Techno-Thriller "Daemon" (2010) und "Darknet" (2012). Beide Bände stürmen gegenwärtig die Bestsellercharts, und Hollywood hat sich bereits die Filmrechte gesichert. In den vergangenen Jahren hat sich das Techno-Thriller-Genre weitgehend unbeachtet von der Literaturkritik der Printmedien etabliert - und führt in zahllosen Blogger-Communities und Tech-affinen Fanseiten ein reges Eigenleben. Angelegt ist die Gattung zwischen spannungsgeladener Handlung, actionreicher Szenen, machohafter Weltrettungsattitüde und Science-Fiction-mäßiger Technikverliebtheit der Cyberpunk-Literatur, in der Outlaws sich gegen eine Übermacht auflehnen.

Der US-Amerikaner Suarez ist der unangefochtene Star der Szene, dessen Karriere einem Internet-Märchen gleicht: Ursprünglich arbeitete Leinad Zeraus als Systemberater und Software-Entwickler im Silicon Valley. Nachdem sein Debüt-Roman "Daemon" von etlichen Verlagen abgelehnt worden war, publizierte er das Buch 2006 im Selbstverlag - unter dem Pseudonym Daniel Suarez, dem Anagramm seines Rufnamens.

Suarez lancierte den Inhalt zunächst gezielt in der Internet-Community - und löste in der Sci-Fi-Fangemeinde und unter Game-Bloggern derartige Begeisterung aus, dass schließlich ein großer Verlag auf das Werk aufmerksam wurde. In der Neuauflage avancierte das Buch dann zum globalen Bestseller. Ihre Spannung beziehen die beiden Romane aus dem Konflikt zwischen analoger und digitaler Welt - auf den jeweils 500 Seiten fließt richtig viel Blut. Roboterartige Kreaturen, Razorbacks genannt, die Armee des Darknet, ziehen eine Blutspur durch Amerika. Ihre Opfer: skrupellose Fondsmanager, üble Lobbyisten, korrupte Regierungsmitglieder. Die Razorbacks, die grausamen Robin Hoods des 21. Jahrhunderts.

Spielt in "Daemon" künstliche Intelligenz noch eine so gewalttätige wie manipulative Rolle, wird in "Darknet" eine soziale Utopie entwickelt, die mittels nachhaltiger Ökonomie eine Alternative zur herrschenden Weltordnung bieten will. In kaum einer Buchbesprechung fehlt der Hinweis auf die technische Präzision, mit der IT-Spezialist Suarez seine Werke fast prophetisch ausstattet: Das Darknet, in das sich die Agenten mit HUD-Brille einloggen und aus dem heraus die reale Welt beeinflusst werden soll, existiert bereits.

Doch anders als in Suarez literarischer Niederschrift ist das real existierende Darknet wohl vor allem ein Umschlagplatz wilder Gerüchte und eine Plattform für krumme Geschäfte geworden (siehe Kasten).

Würgegriff der Algorithmen

Suarez wirft in seinen Büchern, die sich durch konventionell gestrickte Handlungen und technisches Raffinement auszeichnen, die zentrale Frage nach einer neuen Ethik im Umgang mit den digitalen Möglichkeiten auf. Ein Umstand, der durch jüngste Erkenntnisse rund um den weltumspannenden NSA-Überwachungsskandal virulenter denn je erscheint. Gelingt es, demokratische Werte in technologischen Welten zu verankern? Ist der Einzelne in einer digitalen Gesellschaft mehr als die Summe seiner Daten - oder zwingen ihn letztlich Algorithmen in die Knie? Suarez gibt darauf keine Antworten. Die Frage bleibt offen wie die Zukunft.

Daniel Suarez: Darknet (2012)

Rowohlt, 473 S, Euro 9,99.

Ders.: Daemon (2010)

Rowohlt, 656 S, Euro 9,99.