Helsinki. "Zuerst müssen wir mit der Trauer fertig werden. Dann müssen wir darüber nachdenken, aus welchen Überlegungen heraus Nokia seine Mobilfunk-Sparte an Microsoft verkauft hat. Und dann müssen wir darüber nachdenken, wie wir uns wieder aufrappeln können." So beginnt die auflagenstärkste finnische Zeitung Helsingin Sanomat ihren Hauptartikel am Dienstag, besser bekannt als Tag eins nach dem Bekanntwerden des Nokia-Verkaufs.

Denn damit ist nicht nur auf einen Schlag das größte Unternehmen des Landes (Umsatz von 30 Milliarden Euro) in Fremdbesitz, sondern auch ein Teil der finnischen Seele. "Jeder Finne hat sich als Nokia-Eigentümer gefühlt", erklärte der finnische Premierminister Jyrki Katainen.

Obwohl noch nicht klar ist, wie viele Arbeitsplätze abgebaut werden, haben viele Finnen Tränen in den Augen - bekunden sie zumindest auf Twitter. Denn Nokia war nicht irgendein Unternehmen, sondern finnisches Nationalheiligtum. "Der Verkauf von Nokia hinterlässt ein Vakuum in dem Land", meint der finnische Technologie-Journalist Olavi Koistinen. Die Finnen haben Nokia längst verziehen, dass der Konzern 2009 hinter einem "Lex Nokia" gestanden haben soll, welches die Überwachung seitens der Arbeitgeber gegenüber Mitarbeitern stark erweiterte. Damals kam es sogar zu Demonstrationen. Schnee von gestern.

Auf den Verkauf an Microsoft "haben sich die meisten Finnen seit 2011 mental vorbereitet. Damals wechselte Nokia von dem eigenen Betriebssystem Symbian auf Microsofts Windows. Heute ist ein emotionaler Tag, aber es ist keine Riesenüberraschung", sagte Koistinen zur "Wiener Zeitung". Selbst jene Finnen und Ex-Nokia-Mitarbeiter, die das "Schiff noch rechtzeitig verlassen haben", wissen nicht, ob sie sich freuen sollen oder nicht. Die großen Gesten finden sich klischeegetreu eher auf der anderen Seite des Atlantiks: Der Social Media Manager von Nokia USA, Phil Schwarzmann, twitterte, er fühle sich wie ein "Teenager-Mädchen an jenem Tag, als Kurt Cobain starb".

Das inzwischen größte finnische Unternehmen, Neste Oil, hat vergangenes Jahr knapp 18 Millionen Umsatz erwirtschaftet. Ein traditioneller Mineralölkonzern, der 2011 von Umweltschutzorganisationen den Public Eye Award einen negativen Preis bekommen hat, taugt aber nicht als Vorzeigeunternehmen. Dafür komme viel eher noch der Aufzugshersteller "Kone" (finnisch für "Maschine", Anm.) in Frage. Es gehört mit 4,9 Milliarden Umsatz ebenfalls zu den Big Playern mit einem Heer an Beschäftigten. Ebenfalls mit Stolz erfüllt die Finnen ihre global erfolgreichen Computerspiel-Hersteller. Beispielsweise die Firma "Supercell", die mit ihren Spielen (ein Farm-Spiel namens "Hay Day" und ein Kampfspiel namens "Clash of the Clans") seit 2010 Erfolge feiert. Deren Strategie ist es, die Spiele nur für Smartphones und Tablets zu entwickeln, anstatt für kostspielige Konsolen.

Auch die Firma mit den Vögeln, die Schweine verdreschen, vulgo Angry Birds, entwickelt zuverlässig immer neue Versionen, und ist ein Fixstern am finnischen IT-Himmel. Übrigens: Angry Birds wurde ursprünglich für Apples iPhone entwickelt. Erst später wurde es auf andere Systeme wie Nokia und Windows übertragen.