Das bäuerliche Leben ist wundervoll. Nach dem Aufstehen gegen 8 Uhr eine Runde zu den Tieren, Felder abernten, danach seine Nachbarn besuchen und Gastgeschenke verteilen und einsammeln. Natürlich entsprechend gekleidet, als Wikinger, Elfe oder Astronaut. Danach fährt man in die Arbeit, um dann in der Mittagspause wieder Geschenke einzufordern, zu vergeben und sich um sein Anwesen zu kümmern. Es herrscht immer Sonnenschein, die Tiere sind gesund, glücklich und die Arbeit macht Freude. Nebenbei kann man fernsehen, oder mit Freunden chatten – ach, was für ein Leben. Überhaupt diese Zusammenarbeit. Wundervoll und völkerverbindend. Über Kontinente hinweg lassen sich Äcker gemeinsam pflegen, kleine durstige Pflänzchen werden gegossen und wer ein Schaf scheren will, bitte jederzeit, komm' vorbei und mach' es.

Natürlich gibt es auch Schattenseiten. Wenn man etwa keine Geschenke bekommt, dann muss man echtes Geld in die Hand nehmen, damit etwas weitergeht. In letzter Zeit verliert man auch viele Freunde und wird regelrecht beschimpft, wenn man Einladungen und Geschenke verschickt. Zum Glück gibt es spezielle Flirt- und Dating-Shows, wo man sich als fescher Jungbauer oder adrette Jungbäuerin nach dem Partner fürs Leben umsehen kann. Manchmal schmerzt auch das Handgelenk, wenn man zu viel geklickt hat. Und die Augen brennen. Ja, das kann richtig wehtun. Natürlich ist das Leben als Bauer oder Bäuerin, sein Geschlecht konnte man sich ja am Anfang aussuchen, um 18 Uhr nicht aus. Im Gegenteil. Manchmal dauert es die ganze Nacht, bis alle Aufgaben erledigt sind, und dann ist der nächste Morgen nicht so einfach. Immerhin hat man ja noch einen Hauptjob. Bauersein ist grundsätzlich nur mehr ein Teilzeitjob.

Schwierige Fragen: Darf man wirklich als Prinzessin gekleidet auf dem Acker arbeiten? - © Screenshots: Farmville
Schwierige Fragen: Darf man wirklich als Prinzessin gekleidet auf dem Acker arbeiten? - © Screenshots: Farmville

Unerträglich ist zudem, dass man dem Gemüse und den Tieren beim Wachsen regelrecht zusehen kann, besser gesagt muss, und diese Tatsache erweist sich als ungemein lästig. Eine Paradeiserpflanze ist in fünf Minuten fertig, Weizen braucht ein paar Stunden, bis er geerntet werden kann. Das Warten wird nervenzerfetzend, wenn es um gemeinschaftliches Arbeiten geht, was früher unter dem Begriff "Kolchose" bekannt war, wird nun mehr als "Crowdsourcing-Phänomen" bezeichnet und meint in diesem Metier, dass befreundete Bauern aushelfen, wenn es um Baustoffe für neue Gebäude geht. Ein Nagel aus den USA, ein Holzbrett aus Bayern und nach einer gewissen Zeit – je mehr Freunde, desto schneller, ist der neue Anbau fertig. Motorenteile für einen neuen Traktor, der schneller arbeitet und mehr Ackerfläche bearbeiten kann, kommen aus China, Schrauben aus Wien. Auch Bingobälle, damit man mehr spielen kann, können eingefordert werden. Schnell und unkompliziert hält die Globalisierung im Bauernleben Einzug. Erntehelfer können nicht nur die Früchte des Bodens einsammeln, sondern auch brachliegende Flächen bewirtschaften helfen, sei es mittels Dünger oder durch Gießen. Ein echter Bauer hat natürlich auch viele Tiere. Pferde, Kühe, Hasen, Schafe, Gänse, Enten, Flamingos, Pelikane, Einhörner und allerlei anderes Getier können aufgezogen und gehegt werden. Doch auch Jungtiere werden erst nach Tagen endlich zu ausgewachsenen und damit gewinnbringenden Objekten.

Stichwort Objekte, das ist wieder etwas ungemein Erfreuliches, richtig Kreatives und Großes. Abhängig von Feiertagen oder saisonalen Festen und natürlich der Jahreszeit können Scheunen geschmückt, Tiere mit Nikolohauben, Einhörner in glänzenden Farben und allerlei Kleintier mit lustigen Verzierungen auf Äckern platziert werden. Ein wunderschöner Anblick für alle Gäste und Besucher des eigenen Bauernhofes. Im Sommer werden Cocktails gereicht, zu Halloween kann man sich vor Kürbissen nicht retten, ebenso wie vor Weihnachtskobolden im Winter, wenn auf den Dächern eine dicke Schneeschicht liegt. Dieser Bereich der bäuerlichen Arbeit ist ohnehin der schwierigste. Wie will man sich präsentieren? Welchen Eindruck sollen die anderen von einem selbst haben? Darf man wirklich als Prinzessin gekleidet auf seinem Acker werken? Würde ein Astronauten-Outfit nicht wesentlich innovativer, mutiger und vorwärtsdenkender wirken? Ein burgähnliches Gehöft wirkt in der heutigen Zeit eher abschreckend, ob sich jedoch die Welt über mehr Farbe und zuckerlrosa Scheunen wirklich mehr freut, kann auch nicht mit Sicherheit gesagt werden. Das Leben als Bauer ist doch schwerer als gedacht – selbst in der virtuellen Welt.

In der virtuellen Welt? Ja, genau. Das hier beschriebene Szenario hat mit der Realität wohl wenig zu tun, doch ist es eines der beliebtesten – wenn man Fan ist – oder meistgehassten – wenn man den stetigen Einladungen und dem Dauerstress nichts abgewinnen kann. Es geht um "Farmville". Eines der ersten und wohl immer noch beliebtesten und legendärsten Spielen, die man im sozialen Netzwerk Facebook spielen kann. Millionen Menschen auf der ganzen Welt tummeln sich auf den virtuellen Feldern und haben mit Zusatzeinkäufen, natürlich um echtes Geld, die Entwicklerfirma Zynga reich gemacht. Hunderttausende Stunden werden jeden Tag am Acker verspielt, Milliarden Tiere gehegt und Objekte gebaut. Das Phänomen des virtuellen Ackerbaus hat auch dazu geführt, dass die Einladungen zum gemeinsamen Spielen bei Nichtinteressierten die Grenzen des Erträglichen überschritten haben. Aber so ist das Spielprinzip: Gemeinsam kann man schneller Aufträge erfüllen und Erfahrungspunkte sammeln. Auch wenn der große Boom vorbei zu sein scheint, "Farmville 2" konnte schon deutlich weniger Menschen begeistern, so wird das virtuellen Bauernleben wohl noch einige Zeit deutlich beliebter sein, als es die kräftezerrende Realität jemals werden könnte.

Artikel erschienen am 11. Oktober 2013
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal"