Barcelona. (wak/reu/dpa) Die Schwellen- und Entwicklungsländer sollen es richten. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona stellte der ehemalige Branchenprimus Nokia ein neues Konzept vor, um wieder bei der Weltspitze der Handyhersteller mitspielen zu können. Und zwar mit Billig-Smartphones für den globalen Süden. Nokia setzt dabei auf die Tatsache, dass die Marke dank der herkömmlichen, alten Mobiltelefone noch immer stark in den Schwellenländern vertreten ist. Billig, unkaputtbar und telefonieren kann man damit auch. Laut Nokia verkauft der Konzern auch jetzt noch rund eine Million einfacher Handys pro Woche.

Die Hoffnung der Mobilfunkbranche liegt aber seit geraumer Zeit bei den Smartphones. Und das ist just jener Bereich, der Nokia letztendlich seinen Glanz gekostet hat. Gegen Apples iPhone oder die Android-Handys von Samsung kamen die Finnen nicht an. Zu wenig Innovationen, zu langsam, lautete das Urteil der Konsumenten und schließlich auch der Aktionäre.

Im September 2013 kaufte nun der Software-Gigant Microsoft die Handy-Sparte von Nokia (die Übernahme ist allerdings noch nicht finalisiert). Nokia kooperierte davor schon seit zwei Jahren mit Microsoft, der Software-Hersteller lieferte das Betriebssystem für die Smartphones von Nokia, die sich am Markt nur zum Teil behaupten konnten. Auch Microsoft kam ins Strudeln, denn das Betriebssystem, das Microsofts Erzrivale, nämlich Google, entwickelt hatte, nämlich Android, ist unangefochtener Marktführer bei den Smartphones.

Ausgerechnet Google

Nun ist es vielleicht nicht verwunderlich, aber doch befremdlich, dass der Konzern Nokia bei seiner neuen Strategie - Smartphones für die Schwellenländer - ausgerechnet Googles Android als Betriebssystem verwendet. Bei Android gibt nämlich die offene Software-Plattform, die jeder Hersteller nach Belieben weiterentwickeln kann. Diesen Weg wählte bereits der Online-Händler Amazon für seine Kindle-Tablets.

Nokia setzte bei seinen Smartphones bisher auf das Microsoft-System Windows Phone in seinen Geräten der Serie Lumia. Damit kann man aber derzeit wegen hoher Anforderungen an die Hardware nicht so günstige Smartphones bauen wie mit Android.

Nokias Konkurrenten, also Hersteller wie Samsung, Sony oder LG, nutzen die Android-Version mit Google-Diensten, für die es strikte Vorgaben gibt. Nokia will das Android-Betriebssystem ohne die Dienste von Google verwenden. Googles Angebote für Karten, E-Mails oder Musik wird dabei durch Dienste von Nokia und dem künftigen Mutterkonzern Microsoft ersetzt. Selbst die Benutzeroberfläche ist mit den typischen Kacheln dem Microsoft-System Windows Phone nachempfunden.

Nokia-Chef Stephen Elop betonte, sein Unternehmen vollziehe bei der Auswahl des Betriebssystems keine Kehrtwende. Vielmehr stelle es mit den neuen Smartphones "einer weiteren Milliarde" Menschen die Nokia-Hardware und Microsoft-Dienste vor. Auf den Nokia-Geräten im oberen Segment läuft weiter das Betriebssystem Windows Mobile.

Der Analyst Ben Wood von CCS Insight, einem Beratungsunternehmen in der Mobilfunkbranche, nennt dagegen die Android-Modelle von Nokia "fast ein Eingeständnis eines Versagens". Deren Einführung sei allerdings notwendig, um nicht im unteren Segment völlig bedeutungslos zu werden. Von den 2013 verkauften Smartphones wurden laut der Marktforschungsfirma Strategy Analytics 781,2 Millionen mit Android ausgeliefert, 153,4 Millionen mit Apples iOS und 35,7 Millionen mit Windows Mobile.

Zu spät, zu teuer?

Nokias Plan ist eindeutig: In den Entwicklungs- und Schwellenländern wechseln die Menschen derzeit im großen Stil einfache Handys durch Smartphones aus. Hersteller billiger Android-Smartphones räumen ab, ihre Geräte kosten zum Teil nur 60 Dollar. Das günstigste Modell von Nokia, das am Montag vorgestellt worden war, kostet dagegen 122 Dollar - 89 Euro - vor Steuern.

Da stellt sich die Frage, ob Nokia nicht erneut zu spät auf den Zug aufgesprungen ist.

Denn die gesamte Mobilfunk-Branche stellt sich auf Wachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern ein. Damit purzeln die Preise. So wollen die Macher des Browsers und Betriebssystems Firefox bald einfache Computer-Handys für umgerechnet 18 Euro anbieten.