Virtuell begraben: Wie ist man tot auf Facebook? - © WZ-Montage(Fotolia/Ivan Sedlak 2011,manouila, Facebook)
Virtuell begraben: Wie ist man tot auf Facebook? - © WZ-Montage(Fotolia/Ivan Sedlak 2011,manouila, Facebook)

"Ich habe noch nie jemanden sterben gesehen" ist ein Satz, den ich lange sagen konnte. Dann kam der Live-Ticker. Zuvor noch eine große Wirtschaftskrise, noch eine hinterher, Zeitungssterben grassierte und Herausgeber-Panik griff um sich. Ein hochgiftiges Missverständnis erlebte eine Renaissance der sozialen Akzeptanz und verankerte sich hartnäckig: Die Ersten werden die Besten sein, und die mediale Berichterstattung, zu diesem Zeitpunkt längst vorwiegend im Internet, fokussierte sich zunehmend auf soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, um ihre Leser direkter zu füttern und immer neue zu ködern. Jetzt gilt dieser Satz für viele nicht mehr. Am frühen Morgen des 28. Februar etwa, wenige Stunden, nachdem der russische Oppositionsführer Boris Nemzow in Moskau erschossen worden war, trank ich gerade eine Tasse Kaffee, als ich ihn sterbend auf der Brücke liegen sah. Ich hatte mich nur schnell bei Twitter eingeloggt.

Natürlich wäre es naiv zu behaupten, "das Internet" oder "die Medienkrise" habe den Todes-Voyeurismus erst erfunden oder in den Menschen erst geweckt. Das lukrative Mediengeschäft mit dem Tod wurde in seinen ethischen Grenzen allerdings noch nie so strapaziert wie heutzutage, und das wird vor allem an Katastrophen deutlich. Zuletzt legte der Absturz des Airbus A320-211 der Lufthansa Tochter Germanwings auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf am 24. März mit 150 Toten einen neuen kritischen Punkt im Umgang mit dem Tod als Gegenstand eines medialen Informationsauftrags frei.

Alles erscheint gleich wichtig

Das Sterben ist längst ein Echtzeit-Event im sozialen Netzwerk, eine rekonstruierte Show der sensationsorientierten Berichterstatung, ein Spektakel zum "Nach-Fühlen", in dem es keine Hierarchisierung, keine Einordnung, keine Erklärung mehr gibt. Im Live-Ticker, auf Facebook, auf Twitter, erscheint alles gleich wichtig: die Zahl der Opfer und die Nachrichten über den Co-Piloten ebenso wie die pietätlos in Szene gesetzte Betroffenheit von Menschen, die fast, "glücklicherweise dann aber doch nicht" mitgeflogen wären oder auch die Forderungen irgendwelcher Politiker, "jetzt aber" bessere Kontrollen zu wollen, weil - Fakt - trauernde Wähler nun mal auch labilere Wähler sind.

"Simultationsmoderne" nannte der Philosoph Jean Baudrillard diesen Zustand der Gesellschaft, in der es nicht mehr vorrangig wichtig scheint, authentische und simulierte Ereignisse auseinanderzuhalten, weil es eben hauptsächlich um Ereignisse geht, um Events als Kulissen für eigene Zwecke. Interessanterweise hat aber gerade die "Germanwings-Katastrophe" auch gezeigt: Bei aller Liebe zur vermeintlichen Meinungs-, Presse und sonstiger Freiheit, die Menschen wollen in der Informationsflut sehr wohl beschützt werden.

Zweifellos fordert der mediale Informationsauftrag nicht nur zwingend Berichterstattung, sondern es hängen auch Existenz, Erfolg und Zukunftsfähigkeit aller Medien wesentlich davon ab, wie vehement dieser Auftrag bedient wird. Gleichzeitig besteht bei der Leserschaft der Bedarf nach Sicherheit. Einerseits scheint diese durch Informationen, also durch Aufklärung gewährleistet, andererseits kommt dabei die Möglichkeit abhanden, einen Raum zu schaffen, der Zeit verschafft, um mit den Emotionen umzugehen, die durch Informationen ausgelöst werden.

Das muss ein Raum sein, in dem man auch impulsiv Unsinn sagen kann, ohne dass es gleich aufgezeichnet, veröffentlicht und kommentiert wird. Dabei muss es zudem egal sein, ob der Betrauerte Opfer oder Täter ist. So ein Ort jedenfalls kann nur in der Stille liegen, aber Stille ist der Feind des Live-Tickers.

"Was willst du hinterlassen?"

Viele Menschen suchen daher auch auf Facebook Trost in Allianzen mit anderen Trauernden. Das eröffnet einerseits immer wieder neue Höllentiefen der menschlichen Psyche, wenn diverse Nutzer in grenzenloser Dummheit alle möglichen Meldungen kommentieren, andererseits bieten soziale Netzwerke manchen Menschen durchaus auch Hilfestellung in der Bewältigung ihrer Trauer. "Gedenkseiten" werden eingerichtet, Trauergruppen gegründet, Beileidspostings geteilt.

Was aber passiert eigentlich mit den Profilen verstorbener Nutzer? Im echten Leben und im Regelfall ist ein Mensch offiziell tot, sobald eine Sterbeurkunde ausgestellt und an diverse Amtsstellen weitergeleitet wurde. In sozialen Netzwerken verhält es sich ähnlich: Stirbt jemand unerwartet, können Familienangehörige oder nahestehende Personen durch die Vorlage der Sterbeurkunde die Löschung des Profils erwirken, oder aber auch einen der alternativen Dienste nutzen, die zum Beispiel Facebook bereits seit einigen Jahren anbietet. Die Umwandlung eines Profils in eine Gedenkseite gehört dazu - oder aber auch die Weiterführung des Profils durch Angehörige.

Als irgendwann selbst vom Tod Betroffener kann man eigenständige Vorkehrungen treffen: Über die Seite www.deadsocial.org, vor allem aber über die App "ifidie.net" etwa, kann man sein Testament via Facebook als Videobotschaft verfassen, die erst veröffentlicht wird, wenn man stirbt und wenn drei Vertrauenspersonen, die man zuvor festlegt, es veranlassen. "Nützliche" Tipps zur Gestaltung des zukünftigen "letzten Postings" liefert die "digital afterlife application" auch gleich mit: "Ihre Nachricht kann ein Lebewohl sein, ein lustiger Witz, oder eine offene Rechnung, die Sie noch zu begleichen haben." Mit der Frage "What will you leave behind?" entlässt die App den Nutzer dann wieder in die Eigenverantwortung, doch: Was will man dem Internet wirklich von sich übrig lassen? Bei allem digitalen "end of life planning" müssen sich letztlich aber auch die Verbliebenen darüber klar werden, dass man dann nicht mehr den Menschen betrauern wird, der jemand war, sondern die Identität, die dieser im Internet von sich geschaffen hatte und die eventuell nun von jenen noch aufrechterhalten oder auch verändert wird, die das Profil nach seinem Tod weiter betreuen. Mit einem Begräbnis gibt es eine konkrete Zeit und einen konkreten Ort, um zu trauern. Über soziale Netzwerke werden beide Faktoren ins Unendliche gedehnt und es entsteht eine Art Zwischenreich. Folglich kann es passieren, dass Trauer dann ganz unpersönlich wird. Wohin auch mit der Anteilnahme die ganze Zeit - und: Weiß man denn noch, wem gegenüber? Trauer, und das darf man nicht vergessen, ist schließlich auch etwas, das mit der Zeit erledigt sein muss.