Vor zwanzig Jahren waren so viele Welten noch in Ordnung: Bücher gab es nur beim Buchhändler. Musik-CD’s kaufte man im Musikgeschäft, wo sonst? Und für Elektrowaren waren eindeutig die Elektrowarenhändler zuständig. Doch am 16. Juli 1995 sperrte ein Online-Händler auf, der alle diese Grenzen sprengen sollte. Jeff Bezos startete mit amazon.com und gab dem Handel mit Waren aller Art ein globales Format.

Convenience über alles

Es ist zweifelsfrei das Verdienst von Amazon, Online-Kunden das Bestellen und vor allem das Bekommen von Waren wirklich leicht gemacht zu haben. Doch da beginnt es schon unheimlich zu werden: Wer sich von Anfang an auf Amazon-Päckchen freute, dessen Kaufgeschichte ist in den Servern der Firma lückenlos dokumentiert. Ein ausgeklügeltes, durchaus krakenhaftes Empfehlungs- und Werbewesen umfängt den Kunden auf allen Plattformen und Geräten. Amazon gilt als einer der größten Datensammler der Welt.

Der Fortschritt, den der Konzern beförderte, war oft zweischneidig. Der E-Book-Reader Kindle etwa setzte Maßstäbe in der Benutzerfreundlichkeit, der geschlossene Buchkreislauf dahinter sorgte für Kritik. Die "One-Click Bestellung", die den Online-Einkauf so unerhört bequem macht, hat sich der börsennotierte Konzern natürlich patentieren lassen - und damit die Debatte um die Sinnhaftigkeit von Trivialpatenten beflügelt.

Ein allzeit bereiter Allesverkäufer

Das Start-Up, das als innovative Online-Buchhandlung begann, wuchs sich schnell zu einem Allesverkäufer aus, der immer offen hat und bei dem es fast alles gibt. Amazons schiere Größe ermöglicht ein macht- und umsatzgestütztes Geschäftsgebaren, das für weltumspannende IT- und Internetkonzerne typisch und für kleinere On- und Offline-Händler existenzbedrohend ist.

Von einem Handelsmonster sprechen Kritiker, das ganze Branchen übernimmt, Zulieferer in den Ruin treibt, seine Angestellten schlecht bezahlt, mit Fluten asiatischer Billigware unter Umgehung sämtlicher Sozial- und Umweltstandards den heimischen Handel ruiniert  und gleichzeitig Steuervermeidung in einem Ausmaß betreibt, das eigentlich Sondertreffen der EU-Finanzminister rechtfertigen würde.

Kampf mit Gewerkschaften

Doch von der sonst so regulierungswütigen Politik blieb Amazon bisher weitgehend unbehelligt. Die meisten Schwierigkeiten hat die Firma noch mit Gewerkschaften, allen voran die deutsche ver.di: "Ganz oben steht für uns die Feststellung, dass Amazon in erster Linie dank der motivierten Arbeit der vielen Beschäftigten weltweit so groß geworden ist", hieß es in der Geburtstags-Grußadresse der Gewerkschaft, die faire Behandlung und Erfolgsbeteiligung einfordert: "Für uns ist und bleibt der momentan wichtigste Schritt ein existenzsichernder Tarifvertrag, denn Zuteilungen nach Lust und Laune des Arbeitgebers reichen uns nicht." Arbeitnehmervertreter aus mehreren Ländern wollen sich künftig besser vernetzen, um dem Internet-Riesen über Landesgrenzen hinweg die Stirn zu bieten.

Mit über 150.000 Mitarbeitern, einer ausgefuchsten, den Erdball umspannenden Logistik, riesigen Serverfarmen und flächendeckenden Lagerhallen ist der Onlinehändler heute eine ökonomische Weltmacht. 22,7 Milliarden US-Dollar setzte Amazon im ersten Quartal 2015 um, und fuhr dabei einen kleinen Verlust von 57 Millionen US-Dollar ein.

Investitionen an vielen Fronten

Die Investoren wird das nicht stören, der Konzern investiert an vielen Fronten: Die Cloud-Dienste werden beständig ausgebaut. Die Päckchen-Zustellung per Drohen machte jüngst Furore, und mit Video-Streaming werden in bewährter Manier neue Geschäftsfelder erschlossen.

Auf dem Video-Streaming-Markt wartet mit Netflix indes ein starker Konkurrent. Und Google begegnet Amazon auf seinem ureigenen Geschäftsfeld: der Suchmaschinenriese will auf Smartphones einen eigenen Kaufbutton einführen. Google folgt damit anderen Unternehmen wie Facebook und Pinterest, die ebenfalls Kauf-Buttons etablieren wollen. Doch während die Konkurrenz den Online-Warenhandel noch übt, weiß Amazon schon lange, wie es geht.