Redmond. Der Druck ist beachtlich. Manche Medien sehen in "Windows 10" gar die letzte Chance für ein angezähltes Unternehmen. So drastisch ist es wohl nicht. Denn immerhin entscheiden sich immer noch 90 Prozent aller Computer-Besitzer der Welt für ein Windows-Betriebssystem.

Und doch hat Microsoft mit seiner letzten Version, Windows 8, einen denkwürdigen Bauchfleck hingelegt. Mit einer zu stark veränderten Oberfläche konnten sich die User nicht anfreunden. Diesen Misserfolg will das Unternehmen mit Windows 10 hinter sich lassen. Am Mittwoch hat Microsoft mit der Auslieferung des neuen Betriebssystems begonnen. Das neue System soll nicht nur den PC wieder auf die Erfolgsspur bringen, sondern auch einen Bereich erobern, in dem Microsoft bisher nicht wirklich Fuß fassen konnte: Tablet-Computer und Smartphones. Windows 10 soll sowohl auf klassischen PCs und Laptops als auch auf Smartphones, Tablet-Computern und der Spielekonsole Xbox laufen. Wer die Vorgängerversionen Windows 7 und Windows 8.1 auf dem Computer hat, kann das neue Programm ein Jahr lang kostenlos erhalten - ein Novum für das Unternehmen, das seine Kunden bisher für Software-Upgrades stets zur Kasse gebeten hatte.

Sprich englisch mit ihr


Hinter dem Gratis-Angebot stehe Kalkül, sagt Branchenkenner Frank Gillet von der Marktforschungsfirma Forrester Research. "Das geht alles in die Richtung, eine Bindung mit den Nutzern aufzubauen." Die einheitliche Plattform könnte die Popularität von Microsoft-Produkten auch auf anderen Geräten steigern. Ob das System nach dem Gratisjahr kostenpflichtig wird, hat Microsoft bisher nicht mitgeteilt. Benutzer eines älteren Windows-Systems wie Vista oder XP müssen beim Upgrade bezahlen. Für den Einsatz in Unternehmen soll Windows 10 ab dem 1. August verfügbar sein.

Schon ein Blick auf die Oberfläche zeigt, wie erpicht Microsoft ist, die Fehler des Windows-Vorgängers auszumerzen. So gibt es nun wieder ein Startmenü, die ungeliebten Kacheln sind freilich nicht ganz verschwunden. Cortana, das Windows-Pendant zu Apples Sprachsteuerung Siri, soll Interaktionen zwischen allen Geräteklassen ermöglichen. Tests zeigen aber, dass die Assistentin derzeit nur auf englisch eingestellten Systemen mit allen Funktionen einwandfrei zurechtkommt. Der alte Internetbrowser "Internet Explorer" wurde zu Grabe getragen, der neue heißt "Microsoft Edge". Moderne Optik und hohe Geschwindigkeit lassen ihn in Tests gut neben Alternativen wie Firefox und Chrome bestehen.

Im Jahr 2018 soll das neue Betriebssystem auf einer Milliarde Geräten weltweit installiert sein, so das Ziel von Microsoft. Gute Nachrichten wären an der Zeit. Hatte sich doch der Kauf des Nokia-Handygeschäfts als Fiasko entpuppt. Rund ein Jahr nach der 6,6 Milliarden Euro schweren Übernahme führte sie im abgelaufenen vierten Quartal zu einem Verlust von 3,2 Mrd. Dollar, dem höchsten in der Microsoft-Geschichte.