Das Internet zeigt uns, was uns ohnehin gefällt. - © Photo Division/Corbis
Das Internet zeigt uns, was uns ohnehin gefällt. - © Photo Division/Corbis

Sechs Jahre lang saß der kanadisch-iranische Blogger und Aktivist Hossein Derakhshan im Gefängnis. Ein iranisches Gericht hatte ihn zu 19 Jahren Haft wegen "Kollaboration mit feindlichen Staaten" und der "Gründung unmoralischer Webseiten" verurteilt. Als der Blogger alias "Hoder" nach sechs Jahren aus dem Teheraner Evin-Gefängnis entlassen wurde, musste er feststellen, wie sehr sich die Welt und vor allem das Internet in der Zwischenzeit verändert hat: Die demokratische, ermächtigende und vielfältige Struktur des Hyperlinks sei der des auf geheimen Algorithmen basierenden Streams gewichen, schreibt er in einem Beitrag für das Portal "Medium". "Im Jahr 2008, als ich verhaftet wurde, waren Blogs pures Gold und Blogger waren Rockstars. Auch wenn der Zugang zu meinem Blog innerhalb des Irans von der Regierung blockiert wurde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt jeden Tag 20.000 Leser. Schon bald machten tausende von Iranern das Land zur weltweit fünftgrößten Blogger-Nation und ich war stolz, einen Teil zu dieser beispiellosen Demokratisierung des Schreibens beigetragen zu haben. (...) Blogs waren Cafés, in denen Menschen verschiedenste Ideen zu irgendeinem und jedem nur erdenklichen Thema austauschten."

Katzen statt Politik

Tempi passati. Die Blogosphäre im Iran ist praktisch tot, die jungen Leute informieren sich über Facebook oder Twitter, wo Präsident Rohani und sogar Ayatollah Khamenei einen Account haben. Damit einher gehe eine Entwertung des Hyperlinks, das dezentrale "System aus Knoten und Netzwerken", das nahezu überflüssig werde. "Jetzt behandelt fast jedes soziale Netzwerk einen Link so wie jedes andere Objekt - wie ein Foto oder ein Stück Text - und nicht als eine Bereicherung", kritisiert Derakhshan. "Du wirst aufgefordert, einen einzigen Hyperlink zu teilen und ihn dem quasi-demokratischen Prozess von Likes, Plus und Herzen auszusetzen: Einem Text verschiedene Links hinzuzufügen, ist in der Regel nicht erlaubt. Hyperlinks werden objektiviert, isoliert, ihrer Macht beraubt." Der Hyperlink ist weitgehend ersetzt worden durch den Stream. Der bestimmt, wie wir an Informationen im Netz gelangen. Immer weniger Nutzer steuern Websites direkt an. Stattdessen werden sie über Newsfeeds auf Seiten gelenkt, die von obskuren Algorithmen selektiert werden.

Erinnert sich noch jemand an den Arabischen Frühling? Was wurden nicht da für Lobeshymen auf die sozialen Netzwerke angestimmt? "Facebook-Revolution", wurde gejubelt, das Internet sei ein Vehikel der Demokratisierung. Von dieser Euphorie ist nicht mehr viel übrig geblieben. Nicht nur, dass sich der Arabische Frühling in einen Arabischen Herbst verwandelt hat. Sondern auch der politische Impetus ist perdu. Man teilt lieber Katzenvideos als politische Botschaften.