Die wohl interessanteste These, die Derakhshan aus seinen Beobachtungen destilliert, ist, dass sich das Internet mehr und mehr zu einem Fernsehmedium entwickelt. "Der Stream, mobile Apps und Bewegtbild, all das zeigt, dass wir uns von einem Bücherinternet hin zu einem Fernsehinternet bewegen." Das persönliche Fernsehen beginne, wenn man sich bei Facebook einloggt. Man braucht nur herunter zu scrollen, schon sieht man Bilder von Freunden, Links zu lustigen Geschichten und Videos. Die Maus ist Fernbedienung einer digitalen Dauersendung geworden.

Kultur der Trivialität

Man lässt sich berieseln wie ehedem vor der Glotze. Es geht vor allem um Entertainment. Die Aufmerksamkeitsökonomie folgt der Logik einer Kindersendung: Jeder Moment muss für sich sprechen. Die Gefahr besteht darin, dass wir dadurch sukzessive entpolitisiert und infantilisiert werden. Das klassische Fernsehen ist ja ein passives Medium - das Internet lebt idealiter von der Interaktion der Nutzer und dem Austausch von Ideen. Wenn diese dezentrale Debattierplattform nun einer zentralen, hierarchisierten Struktur weicht, werden wir zu bloßen Reizempfängern.

Das Fernsehen in Gestalt von Facebook und Co. zeigt uns nicht mehr relevante Informationen, sondern das, was uns ohnehin gefällt. Man kann darin auch eine Kultur der Trivialität erblicken. Das Problem ist, dass diese Seiten wie TV für Werbung optimiert und häufig algorithmisch manipuliert werden. Facebook zensiert unbemerkt Beiträge (etwa die eines sich küssenden homosexuellen Paars in Russland) oder modifiziert seine Algorithmen dergestalt, dass politische Ereignisse unter den Tisch gekehrt werden. So wie bei den Unruhen in Ferguson. Die Soziologin Zeynep Tufekci brachte es auf den Punkt: "In einer offenen Rebellion fühlt sich mein Facebook-Feed manchmal wie ein Disneyland an." Das Netz verflacht zusehends und wird zu einem bunten Themenpark. Blogger Hoder resümiert: "Früher war das Internet mächtig und ernsthaft genug, um mich ins Gefängnis zu bringen. Heute ist es nur wenig mehr als Unterhaltung."