Wien/London. (dab/red) Die Macht und Bedeutung von Facebook & Co. wächst: Vor wenigen Jahren wurden über soziale Medien die Aufstände im Arabischen Frühling mitorganisiert, nun prägen die Netzwerke die Reaktionen zur Flüchtlingsdebatte. Sowohl für rechte Gruppierungen als auch für private Hilfsorganisationen bieten die neuen Medien eine öffentliche Bühne, über die sich Gleichgesinnte zusammenschließen können. So kündigten am Donnerstag österreichische Aktivsten über Facebook an, Flüchtlinge in einem Autokonvoi von Budapest nach Österreich und Deutschland zu fahren. Am Sonntag um elf Uhr soll der erste Konvoi vom Parkplatz des Happel-Stadions in Wien starten. Mit ihrer Initiative wollen die Aktivisten die "Abschottungspolitik der EU durchbrechen".

Die jüngste Aktion steht in einer Reihe von Hilfsinitiativen. Vermehrt werden in den sozialen Medien Solidaritätsbekundungen mit den Flüchtlingen verbreitet. Besonders Prominente setzen sich in Videos und mit Nachrichten für eine menschenwürdigere Asylpolitik ein, die dann über die Netzwerke tausendfach geteilt werden. Dabei hatte sich die Diskussion anfangs vor allem über die Problematik der Hasspostings gedreht. Diese richten sich in menschenverachtender Weise gegen Flüchtlinge.

"In den sozialen Netzwerken fallen die Schranken zur Meinungsäußerung", sagt Eva Flicker, Professorin am Institut für Soziologie der Universität Wien, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Neben der Anonymität in den sozialen Medien sieht Flicker als Grund dafür eine geringe Steuerbarkeit und andere Professionalität der Netzwerke - es fehle in dieser Hinsicht ein Wertebild und Meinungsfilter. "Diese Emotionalisierung und Hasspostings gibt es in den Printmedien nicht in diesem Ausmaß", sagt Flicker.

Doch Privatinitiativen für Flüchtlinge feiern vermehrt Erfolge. Die am Montag in Wien veranstaltete Großdemonstration für Flüchtlinge "Mensch sein in Österreich", an der 20.000 Personen teilnahmen, wurde über Facebook organisiert. Für die "Großdemonstration für eine menschliche Asylpolitik" am 3. Oktober haben sich bis Donnerstagabend via Facebook bereits 27.000 Teilnehmer angemeldet.

Island wechselte jüngst aufgrund von Facebook-Aufrufen der isländischen Sozialministerin Eyglo Hardardottir und die Autorin Bryndis Bjorgvinsdottir seine Politik gegenüber syrischen Flüchtlingen. Ursprünglich wollte die isländische Regierung in den nächsten zwei Jahren 50 syrische Asylsuchende aufnehmen. Hardardottir und Bjorgvinsdottir gaben sich damit nicht zufrieden und erkundigten sich am vergangenen Wochenende via Facebook, wie viele isländische Familien zur Aufnahme von syrischen Flüchtlingen bereit wären. Rund 12.000 positive Antworten langten ein. Am Dienstag stimmte daraufhin die Stadtregierung der isländischen Hauptstadt Reykjavik für die Aufnahme zusätzlicher Flüchtlinge - eine genaue Zahl nannte sie noch nicht.