Die ersten Internet-Pioniere träumten Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre von einer Revolution: Das Internet würde ein neues, digitales Zeitalter der Demokratie einläuten. Freier Zugang zur Information für freie Bürger, offene, kultivierte Diskursforen, in denen sich die Bürgerschaft über die Herausforderungen für Stadt, Land und Nation austauscht. Doch daraus wurde nichts.

Stattdessen werden soziale Netzwerke und Diskussionsforen einzelner Medien als eine Zusammenrottung rüpelhafter Grobiane erlebt, in denen so mache User ihr hässlichstes Gesicht zeigen.

Die Internet-Expertin und "profil"-Journalistin Ingrid Brodnig hat nun in ihrem neuesten Buch "Hass im Internet" ein flammendes Plädoyer für mehr Benimm im Internet verfasst: Die "Wiener Zeitung" bringt einen exklusiven Vorabdruck:

Der einzelne Nutzer kann viel gegen den Hass im Netz tun: Einerseits digitale Zivilcourage zeigen, indem er das Wort ergreift, und notfalls auch juristische Schritte setzen. Zum anderen kann man selbst darauf achten respektvoll zu bleiben - das ist oft gar nicht so leicht, denn Hass hat eine ansteckende Wirkung.

Als Bürger haben wir aber noch eine weitere bedeutende Aufgabe: Wir können Druck auf die Politik ausüben oder zumindest signalisieren, dass uns sprachliche Achtsamkeit auch in digitalen Zeiten ungeheuer wichtig ist. Wir können entscheiden, welchen Politikern und Politikerinnen wir unsere Likes, vor allem aber unsere Stimmen geben.

Drittens haben wir auch als Konsumenten die Macht, mit unseren Konsumentscheidungen und unseren Handlungen als Nutzer eines Produkts die dafür verantwortlichen Unternehmen zu beeinflussen. Ich empfehle, hetzerische Kommentare Facebook und Co. auch zu melden. Das funktioniert nicht immer, es gab auch schon krasse Fälle von Hassrede, die das soziale Netzwerk stehen ließ. Umso wichtiger ist es als Nutzer zu zeigen, dass es uns weiterhin nicht gleichgültig ist, auf welche Weise online über andere Menschen und Themen gesprochen wird. Es lohnt sich, solche Tabus anzusprechen und weiterhin zu verteidigen sowie Regelverstöße offenzulegen.

Ich bin sogar zuversichtlich, dass es hierfür ein größer werdendes gesellschaftliches Verständnis geben wird. In den vergangenen Jahren ist der Hass im Netz zunehmend zum Thema geworden. In einigen Redaktionen herrscht mittlerweile ein stärkeres Bewusstsein, dass es unserer Demokratie nicht guttun kann, wenn politische Debatten im Netz ständig von so viel Aggression geprägt werden und eine von ihrer Weltsicht sehr überzeugte Minderheit hier besonders laut auftritt und versucht, den Ton vorzugeben.

Auch einzelne Politiker sprechen dies an, weil sie erkannt haben, dass der Hass im Internet nichts von seiner Destruktivität verliert.

Im Gegenteil: Er zeigt dort umso öfter seine Fratze. Die Flüchtlingsdebatte spielt bei diesen Erkenntnissen leider eine wesentliche Rolle. An diesem Beispiel wurde auf drastische Weise klar, wie ernsthaft und komplex das Problem ist.

Es ist eine Kombination aus menschlichen und technischen Faktoren, die dazu führt, dass es online die Rüpel oft zu leicht haben, sehr viel Aufmerksamkeit zu bekommen. Eine Lösung dieses Problems sollte somit auch die Technik berücksichtigen, speziell die Techniker. Wollen wir entschlossener gegen die Hetze und Häme im Netz vorgehen, müssen Techniker ihre Verantwortung auch ernstnehmen. Denn die Programmierer und IT-Unternehmen sind diejenigen, die der Menschheit die digitalen Tools in die Hände geben. Sie formen und geben den Rahmen vor, wie wir online dann kommunizieren. Auch Techniker können den Umgangston im Netz verändern. Das amerikanische Jungunternehmen "Civil" ist ein gutes Beispiel hierfür. Ihre Software versucht, Menschen beim Verfassen von Onlinekommentaren daran zu erinnern, sachlich respektvoll zu diskutieren. Will man beispielsweise einen Kommentar unterhalb eines Artikels verfassen, tippt man den Text in die entsprechende Box ein.

Dann muss der Nutzer aber noch drei andere Leserkommentare auf ihre Qualität und Freundlichkeit hin bewerten. Das geht ganz schnell per Klick. Im Anschluss bewertet er seinen eigenen Kommentar auf Inhalt und Tonalität - und kann diesen notfalls noch einmal umschreiben.

"Dieser Prozess lässt Menschen kurz innehalten und reflektieren. Indem sie andere Kommentare lesen und bewerten, erinnert dies diese daran, dass auch ihre Kommentare von anderen beurteilt werden", sagt Christa Mrgan, eine der Firmengründerinnen. Bereits der Name ihres Unternehmens soll signalisieren, worum es hier geht: "Civil" bedeutet zivilisiert/höflich/anständig. Die Bewertungen, die Nutzer bei ihren eigenen Kommentaren und den Kommentaren anderer abgeben, werden überdies genutzt, um per Algorithmus problematische Wortmeldungen zu erkennen - die Software hält ihre Veröffentlichung zurück, bis ein Mitglied der Zeitungsredaktion den jeweiligen Kommentar entweder freigibt oder ihn löscht.

Dies soll Medien helfen, wenn sie zwar ein Leserforum bieten wollen, aber nicht genügend angestellte Moderatoren haben, um überall mitzulesen und jeden neuen Kommentar auf Beleidigungen hin zu überprüfen.