Missbrauch brächte große Chancen für private Versicherungsgesellschaften. Wie verhindert man ihn?

Ein Netzwerk verändert sich jedes Mal, wenn einzelne Figuren zusammentreffen. Wer die Folgen dieser Dynamik berechnen kann, kann präzise Vorhersagen über die Zukunft treffen. - © fotolia/weseetheworld
Ein Netzwerk verändert sich jedes Mal, wenn einzelne Figuren zusammentreffen. Wer die Folgen dieser Dynamik berechnen kann, kann präzise Vorhersagen über die Zukunft treffen. - © fotolia/weseetheworld

Es ist ein Riesenthema. Wir wollen uns auch mit Datenethik beschäftigen und damit, wie Privatsphäre und Bürgerrechte erhalten bleiben können und wir nicht in einen Überwachungsstaat abdriften. Schlimmer noch sind profit-orientierte Institutionen, die Leute davon überzeugen, ihnen ihre Daten zu überlassen. Etwa brauchen Firmen, die in den Gesundheitsmarkt eindringen wollen, Gesundheitsdaten. Offiziell bekommen sie sie nicht. Also geben sie Patienten eine App, die ihnen Vergünstigungen verspricht, wenn sie ihre Befunde einscannen und ihre Medikamente angeben, und mit dieser Freiwilligkeit wird Geld gemacht. Dass die öffentliche Hand dadurch die Datenhoheit verliert über alles vom Finanzwesen über die Gesundheit bis zur Volkswirtschaft, ist katastrophal. Der Gesetzgeber wäre gefragt, die Flucht nach vorne anzutreten, damit er nicht überholt wird von der Wirklichkeit.

Werden wir die Daten, die wir schufen, jemals wieder los?

Ich glaube nicht. Diese Geister bleiben. Wir können nicht auf "Löschen" drücken, unsere Politiker sind dazu zu schwach, die Daten zu verteilt. Alles bleibt und wird gegen uns verwendet werden, wenn es in falsche Hände kommt.

Welche Erkenntnisse aus der Komplexitätsforschung gibt es noch?

Bis vor kurzem wusste man wenig über systemisches Risiko - also das Risiko, dass das System zusammenbricht. Sei es die Kultur auf den Osterinseln oder das Römische Imperium, sei es dass ein See ökologisch kippt, ein Staat bankrottgeht oder das Finanzwesen nicht mehr funktioniert, weil ein paar Banken bankrott sind: Eine der Errungenschaft der Komplexitätsforschung ist, sogar ausrechnen zu können, welche kleine Bank X ein großes systemisches Risiko beinhaltet.

Mit welchem Projekt startet der Standort in Wien?

Wir wollen versuchen, die österreichische Volkswirtschaft abzubilden, indem wir ein Modell von jedem Akteur im Land machen, alle virtuellen Bürger, die Wirtschaft betreiben wie in einem echten Staat. Wir wollen herausfinden, ob unser Modell verstehen kann, wie die Wirtschaft in Österreich wächst. Wenn das gut funktioniert, könnten wir Wirtschaftsprognosen auf einem ganz anderen Level generieren und bessere Schätzungen für Pensionsreformen, Budgeterstellungen, Steuerreformen, der Aufnahme von neuen Schulden, Wachstumsprognosen oder Kreditvergaben erstellen. Natürlich wird das nicht alles auf Anhieb gut funktionieren. Heute stehen wir mit den Big Data getriebenen Modellen in etwa dort, wo die ersten Wetterprognosen Ende der 1970er Jahre standen. Immer wieder lachten wir, weil die Satellitenbilder Sonne erwarten ließen, wo es regnete. Aber obwohl die Technologie noch nicht ausgereift ist, stimmt die Richtung, und wir wollen das federführend mitgestalten.