Wien. Die Weihnachtszeit rückt näher, und auf dem Wunschzettel einiger Kinder werden in diesem Jahr smarte Spielzeuge stehen - und vielleicht auch auf dem Gabentisch liegen: smarte Teddybären, die auf Fragen und Bewegungen der Kinder antworten. Raupenfahrzeuge, die sich per Smartphone durch die Wohnung steuern lassen. Oder Barbiepuppen, die sich über das Internet updaten und auf Knopfdruck Geschichten erzählen.

Der Smart Toy Bear des US-Spielzeugfabrikanten Fisher Price wird vom Hersteller als ein "interaktiver Lernfreund" gepriesen, "der redet, zuhört und erinnert, was Ihr Kind sagt und sogar antwortet, wenn man mit ihm spricht". In dem 100 Dollar teuren Teddybär steckt mehr High-Tech als in manchem Handy. Der smarte Bär ist mit einer Stimmerkennungssoftware ausgestattet, die die Worte des Kinds memorisiert, sowie mit einer Bilderkennung, die das Kind automatisch erkennt.

Beschleunigungssensoren, die auch in Handys verbaut sind, sorgen dafür, dass der Teddy reagiert, wenn man ihn anstupst. Zudem kennt der Bär die genaue Tages- und Uhrzeit und aktualisiert sich automatisch über WLAN. "Je mehr Ihr Kind mit dem Smart Toy spielt, desto mehr wird sich dieser erstaunlich pelzige Freund anpassen, um personalisierte Abenteuer zu kreieren, die beide von ihnen lieben werden", verspricht der Hersteller. "Es klingt wie der Beginn einer wahren Freundschaft, eine, die Ihrem Kind hilft, sozial und emotional aufzuwachsen." Smart Toys gelten als moderne Lernspielzeuge, die das Storytelling simulieren und die Entwicklung des Kinds voranbringen. In einer Welt virtueller Assistenten müssten Kinder frühzeitig an die Technik herangeführt werden, heißt es.

Doch nicht jeder ist davon begeistert. Die Sorge ist, dass diese smarten Geräte Kinder abhören und auslesbar machen. Die intelligente Puppe "Hello Barbie" des US-amerikanischen Spielzeugherstellers Mattel war im vergangenen Jahr Gegenstand kontroverser Diskussionen. In die Barbie-Puppe ist am Nacken ein Mikrofon integriert. Jedes Wort, das das Mikrofon aufgreift, wird über WLAN an eine Serverfarm von Mattel weitergeleitet und dort von Spracherkennungsalgorithmen ausgewertet. Daraufhin antwortet die Puppe mit einem aus rund 8000 Dialogsätzen. Der Spion kommt im Gewand des Spielzeugs daher - und steht mitten im Kinderzimmer. Die Gespräche werden bis zu zwei Jahre gespeichert. Die Befürchtung ist, dass diese Daten weitergegeben und zu Werbezwecken missbraucht werden.

Ein Hack und alles ist möglich

Vor allem an der Datensicherheit gibt es Zweifel. Dem US-Sicherheitsforscher Matt Jakubowski gelang es, die smarte Puppe zu hacken. Mit einem technischen Kniff konnte er problemlos auf diverse Funktionen zugreifen, darunter Netzwerknamen, Audiodateien und das Mikrofon. "Es ist nur eine Frage der Zeit, den Server auszutauschen und die Puppe sagen zu lassen, was immer wir möchten", sagte Jakubowski.

Die Organisation "Campaign for a Commercial Free Childhood" hat eine Social-Media-Kampagne unter dem Motto "Hell No Barbie" lanciert und Eltern zum Boykott des Produkts aufgerufen. "Wir waren sehr besorgt über die Idee eines Spielzeugs, das die Konversationen von Kindern aufzeichnet und speichert", sagte Direktor Josh Golin der Fachzeitschrift "New Scientist". Es sei ein Eindringen in die Privatsphäre der Kinder. Das Geplapper ließe sich auch dahingehend analysieren, ob das Kind einen Sprachfehler hat. Wenn die Software ein Lispeln erkennt, könnte sie den Eltern einen Termin beim Logopäden empfehlen. Bloß: Was geht das den Hersteller an?

Die Frage ist auch, ob es die Imaginationskraft von Kindern beeinträchtigt, wenn interaktive Puppen programmierte Antwortsätze ausspucken. Bei einer analogen Puppe muss sich das Kind in die Rolle der Puppe hineinversetzen und einen imaginierten Dialog ersinnen. Über das (Rollen-)Spiel kann das Kind seine Gefühlswelt ordnen und die Nutzung von Symbolen lernen. Bei smarten Spielzeugen fällt dieser Part weg. Das "Spielen" wird vom Algorithmus gesteuert. Man muss die Frage stellen, was an diesen Geräten, die die schon die Präferenzen von Kindern auf Markförmigkeit ausrichten, wirklich smart sein soll.

Der Erziehungswissenschafter Jürgen Oelkers, emeritierter Professor an der ETH Zürich, kritisiert diese Lernspielzeuge. "Die Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Kommerzialisierung der Kindheit und nutzt einfach neue technische Möglichkeiten", sagt er. Zu glauben, dass mit "smarten" Gegenständen die Entwicklung der Intelligenz gefördert werde sei ein Irrglaube. "Die Fantasie von Kindern lässt sich vielfältig anregen, im Zweifelsfall dient ein Kinderbuch dem mehr und besser als eine smarte Barbiepuppe", so Oelkers. Eine Bedrohung sei das aber auch nicht. "Kinder sind intelligenter als die Geräte."