Das Unternehmen sitzt in einem Hochhaus im Pekinger Technikviertel Zhongguancun. Zwei Studenten haben es 2011 gegründet. Schnell fanden sich zwei bekannte und zahlungskräftige Kapitalgeber: den Internet-Giganten Alibaba und die Hardwarefirma Foxconn, die unter anderem das iPhone herstellt. Für Alibaba hat Megvii inzwischen eine Gesichtserkennung für Shopping-Apps entwickelt, für Foxconn einen Roboter, der die letzten menschlichen Handgriffe in der Produktion überflüssig macht. "Unser hochkarätigster Kunde ist jedoch das Amt für Öffentliche Sicherheit", sagt Ai. "Unser Produkt identifiziert laufend Straftäter im Straßenbild."

Keine Täuschung möglich

Ai zeigt bei ihrer Präsentation auch Videos von realen Anwendungen. Die Software erkennt einen Mann, der wegen eines Gewaltverbrechens gesucht wird, schon aus der Ferne - obwohl er eine andere Frisur hat. "Das Programm orientiert sich an Merkmalen, die sich nicht verändern lassen." In solchen Fällen alarmiert die Software die zuständigen Fahnder, der Zugriff ist nur eine Frage der Zeit. Schließlich sind die Kameras überall.

Den Polizisten mit den Gesichtserkennungs-Brillen steht potenziell eine Flut von Infos über jeden Bürger in ihrem Gesichtsfeld zur Verfügung. Auch sie melden Erfolge: Obwohl die erste Generation der Brillen zunächst nur für einen Testlauf im Einsatz war, konnte die Polizei sieben Verdächtige festnehmen - darunter solche, die schon seit Jahren gesucht werden. In 26 Fällen haben sie zudem Reisende überführt, die einen gefälschten Personalausweis vorzeigten. Schließlich spielt ihnen die Brille für potenziell jeden Bürger die Personendaten ein.

Roboter im Streifendienst

Die menschlichen Beamten sind dabei eigentlich auch schon weitgehend überflüssig. An Bahnhof Zhengzhou, dem Schauplatz des ersten Brillen-Tests, lief zuvor bereits ein Versuch mit Robotern. Die künstlichen Polizisten rollten unermüdlich durch die Wartehalle und haben Gesichter erkannt oder aggressives Verhalten identifiziert. Nur zur Festnahme mussten die Kollegen in Fleisch und Blut noch vorbeikommen.

Die Gesichtserkennung wird bereits auch zur Kontrolle vermeintlich gefährlicher Bevölkerungsgruppen eingesetzt. In den muslimisch dominierten Regionen der Unruhe-Provinz Xinjiang warnt der Computer die Polizei, wenn bestimmte "Zielobjekte" ein abgestecktes Gebiet verlassen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Oft sind es aber nur wenige Straßenzüge, in denen sich diese Menschen frei bewegen dürfen, weswegen die Organisation Human Rights Watch die virtuelle Einzäunung bereits als schwere Menschenrechtsverletzung kritisiert hat.

Die Betonung liegt derzeit zwar noch auf der Verbrechensbekämpfung. Doch die Wortwahl verschiebt sich zunehmend in Richtung "öffentlicher Sicherheit" und "Wahrung der Stabilität". Dahinter verbirgt sich vor allem die Unterdrückung von Kritik an der Kommunistischen Partei - oder alles, was deren Führung gerade nicht passt, beispielsweise "unmoralisches Verhalten". Alle Hemmungen zur Nutzung der Technik für die Überwachung der Bürger seien bereits gefallen, warnt Amnesty International.