Während sich Regimekritiker früher noch mit etwas Glück im Café zusammensetzen konnten, ohne dass der Staatsapparat etwas von ihrer Begegnung mitbekam, schließen Chinas Behörden nun die letzten Überwachungslücken. Und sie gehen einen Schritt weiter: Das Interesse gilt nicht nur verdächtigen Personen, sondern allen Bürgern. Der Staat erstellt ein lückenloses Profil der Bewegungen, des Konsums, des Wohlverhaltens und sogar der Meinungsäußerungen. Nichts bleibt künftig unbemerkt - und alles wird zusammengetragen.

Die App, die alles sieht

Praktisch sämtliche Chinesen bieten dem Staat dabei völlig freiwillig eine Fülle von Informationen an. So werden über das chinesische WhatsApp-Pendant "WeChat" mehr Gespräche geführt als im realen Leben, mit der App, die fast eine Milliarden Chinesen auf ihren Smartphones installiert haben, kann man zudem Taxis bestellen, Flüge buchen und bargeldlos bezahlen. Der Betreiber der Chat-Anwendung mit dem grün-weißen Häkchen-Logo ist Tencent, eine Privatfirma, die mit einem Börsenwert von 540 Milliarden Dollar sogar den US-Giganten Facebook übertrifft - doch auch die Wirtschaft ist vom Staat in das große Überwachungsprojekt eingebunden und ermöglicht den Geheimdiensten unbürokratischen Zugriff.

Das gilt auch für die ganz große Datenkrake des Online-Handels, Alibaba. Das Unternehmen arbeitet inzwischen im großen Stil mit Gesichtserkennung, um seine Kunden auch in physischen Geschäften aufzuspüren. Auch ausländische Firmen wie Apple und Microsoft sind in China inzwischen gezwungen, die Kundendaten im Inland zu lagern und dem Staat Zugriff zu gewähren.

Die Einbindung der Privatwirtschaft gilt deshalb in China als völlig selbstverständlich, weil die Gesetze nicht einmal den Versuch machen, die Privatsphäre zu schützen, sondern maximalen Durchgriff des Staates ermöglichen. Die meisten Chinesen stört das anscheinend nicht besonders. Die Frage nach Sorgen zur Privatsphäre stößt meist auf Unverständnis. China hatte eben nie Datenschutz, ist aber seit knapp 70 Jahren kommunistisch regiert. "Jetzt setzt die Obrigkeit die Möglichkeiten der modernen Technik gebündelt ein, um im Grunde den totalen Polizeistaat zu schaffen", sagt China-Experte William Nee von Amnesty International.