Wien. Sein Betriebsgeheimnis müsse niemand bekanntgeben, das verlange ja gar keiner, sagte "Profil"-Journalistin und Buchautorin Ingrid Brodnig am Dienstagabend bei den "Alpbach Talks" in der Albertina zu dem Thema "Wie Soziale Medien Wahlen beeinflussen". Diese werden vom Europäischen Forum Alpbach in Kooperation mit der "Wiener Zeitung" organisiert. Aber ähnlich wie in der Lebensmittelindustrie sollten auch Internet-Plattformen wie Facebook oder Twitter offenlegen müssen, woher die Inhalte kommen und wie sie gewichtet sind, so Brodnig.

Bei Facebook zum Beispiel würden rund 800 Faktoren einfließen, die die Informationen filtrieren und diese reihen. Die genaue Gewichtung dieser Faktoren weiß man aber nicht. Und das, obwohl täglich rund 1,13 Milliarden Menschen auf Facebook zugreifen - und damit kein Medium auf der Welt jemals annähernd erfolgreich war.

Gezieltes Verbreiten von Lügen

Kein Weg führe an algorithmischer Transparenz der Sozialen Medien vorbei, sagten Brodnig und der Kommunikationsberater Yussi Pick, der bei der vergangenen US-Wahl für Hillary Clinton arbeitete und die von der "Wiener Zeitung" moderierte Diskussionsrunde am Dienstag komplettierte. Das treffe freilich auch auf traditionelle Printmedien zu, erläuterte Pick, da diese ebenfalls über eine gewisse Filtermacht verfügten. Der Unterschied sei jedoch, dass es in den traditionellen Medien eine breite Palette mit zum Teil kontrovers gewichteten Beiträgen gebe -Soziale Medien diese Auswahl allerdings nicht böten. "Viele Facebook-User glauben, sie lesen, was tatsächlich auf der Welt passiert", sagte auch Brodnig.

Mit dem Effekt, dass viele Nutzer ungeachtet ihres Alters auf Falschmeldungen hineinfallen. Das Thema Lügen war ja sowohl im US-Wahlkampf zwischen Clinton und dem Gewinner Donald Trump als auch beim heurigen Bundespräsidentenwahlkampf in Österreich zwischen Norbert Hofer und Gewinner Alexander Van der Bellen Thema. Das Fatale daran sei, so Brodnig, dass Facebook-Beiträge umso mehr an Glaubwürdigkeit gewinnen, je mehr sie geteilt werden - was politische Parteien freilich gezielt dafür nützen könnten, Lügen zu verbreiten.

Auf diese Art und Weise bahnten sich auch Hasspostings und Negativpropaganda ihren Weg. "Die unterschiedlichen Gruppen erleben einen unterschiedlichen Hass. Hassgruppen haben einen ganz anderen Antrieb und sind oft so aggressiv, dass Andersdenkende mundtot gemacht werden", sagte Brodnig. "Es braucht Regeln."

Das Justizministerium in Deutschland zum Beispiel hat vor etwa einem Jahr eine Taskforce eingerichtet, die gezielt nach strafrechtlich relevanten Hasspostings sucht. Wird sie fündig, ist der Poster verpflichtet, dieses zeitnah zu entfernen. Das deutsche Justizministerium arbeite auch an einer Transparenzpflicht, um anonymen Hasspostern einen Riegel vorzuschieben, sagte Brodnig.

Eigentlich sollten ja Moderatoren auf Internet-Plattformen diese Aufgabe übernehmen. Wie viele etwa bei Facebook beschäftigt sind, wisse aber niemand so genau, so Brodnig, die sich dafür aussprach, Plattformen zur Offenlegung der Zahl ihrer Moderatoren zu verpflichten.

Jedes Posting, jede Kampagne, die Emotionen hervorrufe, funktioniere in den Sozialen Medien grundsätzlich gut, meinte Pick. Wut sei zwar ein "unendlich guter Treiber" - die hervorgerufenen Emotionen könnten aber auch durchaus positive sein. Der Wahlkampf-Slogan "Yes We Can" des Noch-US-Präsidenten Barack Obama sei so ein Beispiel.

"Polarisierung findet statt"

Und dennoch - irgendwie richtete sich dieser Slogan ja auch gegen Obamas Vorgänger George W. Bush. Tatsache sei, so Pick: "Polarisierung findet statt." Die Tendenz gehe hin zu bipolaren Wahlen, sagte auch Brodnig: Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ) gegen FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache bei der Wien-Wahl 2015, Van der Bellen gegen Hofer bei der Bundespräsidentenwahl. Eine Seite versuchte dabei, die Themen der anderen zu besetzen. Häupl das Flüchtlingsthema, Van der Bellen den Begriff Heimat. Und wie wird es bei der nächsten Nationalratswahl, bei der es mehrere Akteure gibt? Wird da die Stärke der Sozialen Medien abgeschwächt? "Ich glaube, dass man auch die nächsten Wahlkämpfe immer als Kampf gegen die FPÖ dramatisieren wird. Als Kampf um den Platz eins", sagte Brodnig.