Estland - der kleine baltische Staat mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Zumindest, was die Digitalisierung betrifft: Fast 100 Prozent der Esten nutzen die digitale Verwaltung, beinahe alle Bereiche des täglichen Lebens sind bereits digitalisiert. Nicht umsonst hat das Tech-Magazin "Wired" die Ex-Sowjetrepublik vergangenes Jahr zur höchstentwickelten digitalen Gesellschaft der Welt gekürt.

Das Highlight: Wer estnischer Staatsbürger werden will, um etwa als Brite den Brexit-Folgen zu entgehen, kann das innerhalb weniger Minuten online erledigen. Die "E-Residency" oder "Estlands Geschenk an die Welt", wie es auf der offiziellen Website e-estonia.com heißt, gibt es seit 2014. Mit einem digitalen Personalausweis der estnischen Regierung hat der neue Bürger nicht nur Zugriff auf sämtliche E-Government-Anwendungen, sondern auch gleich Zugang auf den EU-Binnenmarkt. Denn ein E-Resident kann in dem EU-Staat eine Firma gründen. Oder die bestehende Firma umsiedeln: Tallinn wirbt derzeit damit, dass britische Firmengründer ihre .eu-Domain entgegen der Brexit-Regelung behalten können, wenn sie das Unternehmen nach Estland verlegen.

Für alteingesessene Esten bietet die Digitalisierung ebenfalls einige Vorteile: Die Verwaltung ist zu 99 Prozent auf E-Government umgestellt: Auf dem staatlichen Portal eesti.com kommen alle E-Dienstleistungen öffentlicher Anbieter zusammen.

Vorbild für Österreich

Für Bürger, Unternehmer und Beamte ist diese Seite die erste Anlaufstelle - in diese Richtung soll sich auch die Plattform oesterreich.gv.at entwickeln.

Der estnische Personalausweis ist eine multifunktionelle Bürgerkarte - er kann als Versicherungskarte, E-Voting-Ausweis, für digitale Unterschriften, E-Rezepte und zum Abgeben von Steuererklärungen genutzt werden. Im Bereich der Gesundheit ist fast das ganze Land bereits auf elektronische Krankenakte und E-Medikation umgestellt. Rettungskräfte, die mit dem E-Krankenwagen unterwegs sind, können innerhalb einer halben Minute den Anrufer lokalisieren und erhalten mit Hilfe des Personalausweises zeitkritische Informationen über den Patienten wie Blutgruppe oder Allergien. Auch in den Bereichen Sicherheit, Justiz, Bildung, Mobilität sowie Wirtschaft und Finanzwesen setzt Estland weitgehend auf digitale Systeme.

Wie verhält es sich mit der Sicherheit des Systems selbst? Die unterschiedlichen öffentlichen und privaten IT-Systeme sind über den Knotenpunkt X-Road miteinander verbunden, der für eine ausreichende Verschlüsselung der Daten sorgt. 2014 gab es jedoch ein Problem mit den in die Bürgerkarten eingebauten Chips, wodurch die Funktion für einen Teil der Karten kurzfristig eingeschränkt werden musste, um Datenmissbrauch zu verhindern.