Für mich ist das ideale Klassenzimmer eine Art Labor", sagt Robert Praxmarer. "Oder auch ein Raumschiff, in dem man im Team Problemstellungen löst, gemeinsam an Aufgaben wächst und neue Welten erkundet." Wenn der 42-jährige Salzburger über die Schule von morgen spricht, dann fühlt man sich nicht zu Unrecht an Computerspiele erinnert: "Wir sehen Lernen als eine Abenteuerreise, auf der es viele Herausforderungen zu lösen gilt. Der Lehrplan sollte zum Teil selbst geplant werden können, und in Teams sollte man sich für bestimmte Missionen entscheiden können."

Die digitale Technik, die solch ein interaktives Eintauchen in eine räumliche Spielumgebung ermöglicht, gibt es: Augmented Reality (AR), also "erweiterte Realität", bedeutet nichts anderes als dass der User auf dem Kamerabild seines Tablets oder Smartphones eine andere Realität sieht, als mit dem freien Auge. Diese Technologie pädagogisch wertvoll einzusetzen, war das gemeinsame Ziel von Thomas Praxmarer und Thomas Layer-Wagner, den beiden Gründern des Salzburger Designstudios Polycular.

Fliegende Klassenzimmer

Wer knackt den Code des Wandtresors? Die AR-Technologie macht aus Räumen selbstdesignte Rätsel- und Lernparcours. - © Polycular
Wer knackt den Code des Wandtresors? Die AR-Technologie macht aus Räumen selbstdesignte Rätsel- und Lernparcours. - © Polycular

Mittels AR bringen Polycular das beliebte Konzept von Escape Rooms in jeden beliebigen Innenraum. Ein Escape Room ist üblicherweise ein sehr aufwändiges interaktives Real-Life-Spiel, bei dem Teams versuchen, über das Lösen von einer Vielzahl von Rätseln aus einem versperrten Raum zu entkommen. Mit Polyculars Entwicklung könnte man sich das Eintrittsgeld zum nächsten Escape Room sparen - denn damit wird das Kinderzimmer, das Wohnzimmer oder das Klassenzimmer zum selbstgebauten Escape Room: Wände, Böden, Regale, Tische, alle möglichen Elemente eines Raums können virtuell "zum Leben erweckt" und in ein Spiel integriert werden. Genau hier setzt die neue Lernqualität an, die das Zeug hat, Kinder und Jugendliche zu begeistern, die soziale Interaktion und Rätsellust steigert. Außerdem ist es möglich, klassische eLearning-Elemente und Mini-Games zu Logik und Geschicklichkeit in das Programm einzubauen.

Was bisher dem B2B-Bereich vorbehalten war, können ab 9. Mai auch Privatpersonen ausprobieren: Dann geht die Testversion eines fertigen Escape Rooms online: "EscapeFake" nennen Polycular diese Spielumgebung, die sich mit dem Thema Fake News beschäftigt und demnächst für jedermann auf escapefake.org zum Download bereitsteht.

Preisgekrönter Mut

Robert Praxmarer, studierter Informatiker, und Thomas Layer-Wagner, der Interface Cultures an der Kunstuniversität Linz studiert hat, lehrten bis 2015 an der Fachhochschule Salzburg. Dann hieß es für beide aber: Alles oder nichts - und die Karriere als Unternehmer rückte endgültig in den Vordergrund. Mit ihrer Firma Polycular räumten sie schon bald Auszeichnungen wie den Social Entrepreneurship Award oder den GreenStart Award ab. Und "EscapeFake" brachte ihnen bereits den Advocate Europe Award sowie den Vienna Content Award 2018 ein.

Das digitale Designstudio besteht mittlerweile aus einem elfköpfigen Team und ist gerade dabei, weiter zu wachsen. Kreative Köpfe und Programmierer sind gefragt: Für die Schaffung ihrer "augmented" Escape Rooms haben Polycular ihre eigenen Tools entwickelt. Praxmarer: "Je nach Thema, Komplexität und Länge der Story dauert die komplette Entwicklung eines neuen Escape Rooms von der Konzeption bis zur Umsetzung zwischen einem Monat bis hin zu einem Jahr."

Am Ball bleiben

Für Startups wie Polycular sind spannende Kunden genauso essenziell wie hohe Sichtbarkeit in Medien und Präsenz auf Startup-Messen. "Als nächstes sind wir beim ‚Pitch im Paternoster‘ der Jungen Industrie vertreten. Außerdem beginnen bei uns erste Investmentverhandlungen, damit wir unseren Escape Room als eigenes B2C-Produkt finanzieren können. Interessierte Business Angels dürfen sich also gerne bei uns melden."

Auch in der öffentlichen Verwaltung würden Escape Rooms durchaus Sinn machen, meint Praxmarer: "Die Verwaltung besteht aus vielen Abläufen, die Mitarbeiter erlernen müssen, aber manchmal nicht in ihrem vollen Umfang verstehen. Ein Escape Room wäre eine Möglichkeit die Zusammenhänge hinter den Abläufen zu beleuchten.