Sechs Kilometer dick war das österreichische Grundbuch im Jahr 1977, Band an Band aufgereiht. Natürlich nur theoretisch, denn in der Praxis standen die riesigen, mit Schweinsleder gebundenen Bücher verteilt auf 209 Bezirksgerichte in ganz Österreich. Sie hielten die Eigentumsrechte an den rund 12 Millionen Grundstücken in den 7841 Katastralgemeinden des Landes fest. Ein wahres Jahrhundertwerk. Der Stolz der österreichischen Justiz, und das zu Recht. Doch das Krachen und Quietschen im System war zu jener Zeit längst nicht mehr zu überhören. Das Schnaufen der Bürger noch weniger: Als Antragsteller musste man in den 1970er-Jahren oft monatelang auf einen einfachen Grundbuchsauszug warten.

Wenn der Platz ausgeht

Die Eintragungen erfolgten noch handschriftlich - und so musste auch jeder Auszug von einem Beamten erst gefunden, entziffert und auf der Schreibmaschine abgetippt werden. "In vielen Grundbuchsbänden ging in den 60er- und 70er-Jahren buchstäblich der Platz aus", erinnert sich Helmut Auer, pensionierter Leitender Staatsanwalt im Justizministerium. "Das lag vor allem an der guten Wirtschaftslage - damals wurden so viele Grundstücke in Österreich ver- und gekauft wie nie zuvor. Das in Mode gekommene Wohnungseigentum machte die Sache noch unübersichtlicher. Zwischen den vielen gestrichenen Eintragungen vergangener Jahrzehnte wurde es auch für die Profis, also Notare und Anwälte, immer mühsamer, im Grundbuch zu lesen." Das System der Aufzeichnung war immerhin über 100 Jahre praktisch unverändert geblieben. Seit der Einführung des Grundbuchsgesetzes im Jahr 1871 hatte das standardisierte "Hauptbuch" des österreichischen Grundbuchs als State of the Art des Grundeigentums in Europa gegolten (siehe Kasten).

Der Zeit voraus

Doch nun war die Zeit mehr als reif für eine große technische Erneuerung. Elektronische Datenverarbeitung war das Stichwort. Helmut Auer beschreibt, wie eine kleine Gruppe von innovativen, IT-affinen Beamten im Justizministerium der Kreisky-Ära die Sache in die Hand nahm: "Der damalige Ministerialrat Robert Dittrich, mein Bruder Günter Auer und ich haben ab Anfang der 1970er-Jahre einen Fahrplan ausgearbeitet und die Machbarkeit getestet. So richtig in Fahrt kam die Sache dann unter Otto Oberhammer ab 1979." Der Verwaltungsjurist Oberhammer, später oft als "graue Eminenz" im Justizministerium bezeichnet, hatte damals gerade sein Zwischenspiel als ORF-Generalintendant hinter sich gebracht, war ins Ministerium zurückgekehrt und bald Chef der Präsidialsektion.