Alle Bürger dürfen alles lesen

Die Gegend um die Wiener Lerchenfelder Straße anno 1829: Deutlich erkennbar sind die Grundstücksnummern des Katasters. - © Karte: Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV)
Die Gegend um die Wiener Lerchenfelder Straße anno 1829: Deutlich erkennbar sind die Grundstücksnummern des Katasters. - © Karte: Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV)

Ein wesentliches Prinzip des Grundbuchs ist vielen Menschen jedoch nicht bewusst: Alle Bürger dürfen alles lesen. Wer in Österreich eine Liegenschaft besitzt, steht mit Namen, Geburtsdatum und Adresse in der Öffentlichkeit. Auch Belastungen, etwa die aufgenommenen Hypotheken, sind einsehbar. Der Umgang mit persönlichen Daten wird in einer digitalisierten Gesellschaft jedoch anders bewertet als zu Zeiten, in denen Papier geduldig und das Bezirksgericht einen Tagesausflug entfernt war.

"Vereinzelt verstehen manche Bürger diesen offenen Umgang mit persönlichen Daten nicht und fordern einen besseren Schutz der Grundeigentümer", erzählt Buric. "Man muss aber bedenken: Das Grundbuch schützt nicht nur die eingetragenen Eigentümer, sondern ist die unverzichtbare Basis für die Rechtssicherheit bei Immobiliengeschäften." Auch Gerald Kohl pflichtet bei: "Eigentum hat nunmal Verantwortung, man sollte es deshalb nicht hinter der Anonymität verstecken können. Außerdem ist die Suchfunktion im digitalen Grundbuch für ‚Normalbürger‘ ohnehin so eingerichtet, dass man nicht nach Personen suchen kann, sondern nur nach Adressen."

Darf’s ein bisserl mehr sein?

Wie weit aber soll die Digitalisierung des menschlichen Lebens in Zukunft gehen? Wo verläuft die Grenze zwischen willkommenem Service und überschießender Kontrolle? Diese Frage beschäftigt uns alle, als Gemeinschaft und als Individuen. Die Frage, wie weit digitale Neuerungen in der Verwaltung und im Speziellen im Bereich des Grundbuchs gehen sollen, diskutieren Experten heute durchaus kontrovers.

In Zeiten von Smartphones und Tablets, stetig steigenden Speicherkapazitäten und immer feineren Aufzeichnungstechniken wird die dritte Dimension wohl bald Einzug ins Grundbuch halten. Genaue 3D-Darstellungen von Häusern, Lagepläne von Fahrwegen, von Rohrleitungen, die Anfügung von Gefahrenzonenplänen und ähnliche Informationen sind zwar derzeit nicht in Planung, aber vorstellbar. "Ideen, wie man das Grundbuch mit zusätzlichen hilfreichen Daten ausstatten könnte, gibt es derzeit wie Sand am Meer", sagt Buric. "Denkbar ist für mich etwa eine interaktive Screen-Ansicht des Grundbuchs, wo man dann auf eine Wohnungsnummer draufklicken kann, und es erscheint sofort der Schnitt der Wohnung. Das wäre etwa eine tolle Erleichterung für Interessenten an einer Immobilie. Jede Erweiterung sollte aber gut überlegt sein." Universitätsprofessor Gerald Kohl warnt davor, das Grundbuch der Zukunft mit allzuvielen Informationen zu überfordern: "Vor allem aus dem Kreditsektor beobachte ich überschießende Erwartungen, was man mittels digitaler Speicherung alles im Grundbuch festhalten können sollte. Aber das Grundbuch kann kein vollständiges Bodeninformationssystem sein, das jedem Interessenten an einem Grundstück sämtliche erdenklichen Fragen dazu beantwortet."