Neue Fehlerquellen?

Je mehr Daten an einem Eintrag dranhängen, fürchtet Kohl, desto höher wäre wohl auch die Gefahr von Fehlern oder Inaktualitäten, was wiederum den Vertrauensgrundsatz untergraben könnte - das Prinzip, dass sich die Bürger auf die Richtigkeit der Informationen verlassen können.

Man könnte die Geschichte des Grundbuchs in Österreich als eine Geschichte der fortschreitenden Vereinheitlichung bezeichnen: Viele Länder mit unterschiedlichen Traditionen fanden im 19. und 20. Jahrhundert zu gemeinsamen Standards - und das zum Wohle aller, nicht nur der Obrigkeit, wie Gerald Kohl betont.

Europäisierung? Eher nein!

Es scheint auf den ersten Blick nur folgerichtig, dass es nun, am Beginn des 21. Jahrhunderts, genauso zu einer Vereinheitlichung des Grundbuchwesens auf europäischer Ebene kommen sollte.

Hier hebt Kohl jedoch den Zeigefinger. "Es ist meine persönliche Meinung", schickt er voraus, "aber ich sehe die Gefahr, dass ein vereinheitlichtes europäisches Grundbuch in Ländern wie Österreich die Entwicklung bremsen könnte. Man müsste sich dann ja auf Standards einigen, die von den EU-Staaten mit schwachem Grundbuchswesen erst erreicht werden müssten, während die fortgeschritteneren Staaten gewissermaßen warten müssten, bis die anderen aufgeholt haben."

Ähnlich sieht es der Digitalisierungs-"Veteran" Helmut Auer: "Die Traditionen sind ja doch sehr unterschiedlich, und es gibt einige Länder, die sich niemals in Richtung unseres Systems bewegen würden. In Deutschland etwa steht die Einsichtnahme ins Grundbuch nicht jedermann offen wie bei uns. Nur wer ein ‚rechtliches Interesse‘ hat, darf dort wissen, wem eine Liegenschaft gehört."

Gerald Kohl zieht auch den praktischen Nutzen einer kompletten europaweiten Vereinheitlichung in Zweifel: "Die Zahl der EU-Bürger, die außerhalb ihres Heimatstaates Liegenschaften erwerben wollen, hält sich ohnehin in Grenzen. Eine Standardisierung wäre da wohl übertrieben." Mittelfristig wird es aber gewisse Annäherungen zwischen den EU-Mitgliedsstaaten geben, prognostiziert Manfred Buric. "Dass man als EU-Bürger die Grundbücher anderer Länder online einsehen kann, ist sicher anstrebenswert, aber da sind wir noch lange nicht. Derzeit gibt es jedenfalls keine Handlungen der EU, die nationalen Grundbücher systematisch zu verändern."

Kooperation mit Estland

Dass und wie digitale Harmonisierung in Europa geht, beweisen Österreich und Estland: Richter und Notare der beiden Länder können heute bereits das Grundbuch des jeweils anderen Landes online abfragen. Als gegensätzliches Extrembeispiel nennt Buric Griechenland: "Dort fehlt bis heute ein Kataster. Grundstücksgrenzen sind noch immer festgehalten mit Formulierungen der Art ‚vom großen Stein neben der Straße bis zum Waldrand‘. Die systematische Vorarbeit, die in Griechenland noch geleistet werden muss, ist enorm."

Dass solch eine Systematik in Österreich bereits vor gut 200 Jahren angelegt wurde, wirkt sich also noch immer ganz direkt auf das gute Funktionieren unserer Verwaltung aus.

Nichts wird gelöscht

Die alten Grundbuch-Bände wurden und werden übrigens weiterhin aufbewahrt, und zwar ohne zeitliche Begrenzung. Historiker und Anwälte, die vor der Digitalisierung gestrichene Eintragungen einsehen möchten, müssen sich dafür - ganz wie früher - aufs jeweilige Bezirksgericht begeben und mit zusammengekniffenen Augen alte Handschriften entziffern.