Autoritäre Führungsstrategien und hierarchische Steuerung sind jedenfalls kontraproduktiv. Wissensarbeit gedeiht in Biotopen von Organisationskulturen, die offen sind für Irritationen durch Querdenker, für kontrollierte Experimente; wo Dankbarkeit besteht für Fragen, die zunächst einmal Ratlosigkeit auslösen, für Innovationen, deren Wirkung noch nicht gemessen werden kann, wo ein nicht schmales Ausmaß an Unsicherheit zugelassen wird.

Die Digitalisierung der Verwaltung ist ein markanter und tiefgreifender Schritt mitten in der Reise des öffentlichen Sektors von der bloßen Anwendung von Rechtsnormen hin zur Wissensarbeit. Öffentlich Bedienstete bewegen sich in Umwelten, die ihrerseits von Wissensarbeitern geprägt sind - vom Gesundheitssektor über den Bereich der Cyberkriminalität bis hin zu den Big Four, den vier größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der Welt. Arbeitsinspektoren oder Lehrer bewegen sich beispielsweise in professionellen Feldern, in denen ökonomische und soziale Entwicklungen laufend Weiterentwicklung bestehender Kompetenzen und Generierung zusätzlicher Befähigungen erfordern.

Vielerorts ist ein Spannungsfeld, um nicht zu sagen eine Kluft zwischen einer Stabilität der Steuerungsformen und einer Dynamik des Expertentums entstanden. Während am "Point of Sale" - dort, wo die öffentliche Leistung erbracht wird - die wesentlichste Ressource im Sinne von Peter Drucker zwischen den Ohren sitzt, herrscht in vielen Zentralen die Logik von hierarchischer Engführung gepaart mit dem Mythos bürokratischer Verwaltung als Präzisionsmaschine vor.

Mehr Wissensarbeiter

Aus dem Umstand, dass es bisher "eh irgendwie gegangen ist", kann nicht geschlossen werden, dass auch die tiefgreifende Digitalisierung hierarchisch ausgesessen werden kann. Die Möglichkeiten, Alarmsignale an individuellen Fehlleistungen festzumachen oder durch zusätzliche Formen von Sanktionierung zu beherrschen (wie zuletzt im Schulbereich), sind nicht unbegrenzt.

Die digitale Verwaltung benötigt in naher Zukunft vor allem aus zwei Gründen die Transformation zu Expertenorganisationen: Der Anteil der Wissensarbeiter wird weiter zunehmen, da routinisierte Massenerledigungen immer mehr von Rechnern übernommen werden.

Digitalisierung erfordert nicht nur IT-Wissensarbeiter, sondern die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen - Data-Scientists, Datenrechtsexperten, solche für Technikfolgenabschätzung und nicht zuletzt Experten für die Steuerung komplexer Projekte sowie von Change-Prozessen.

Gegenwärtige Diskussionen über Führungskräfteentwicklung in der Bundesverwaltung - zum Beispiel, wie viele ECTS in Öffentlichem Recht für welche Leitungsfunktionen in der Bundesverwaltung erforderlich sind - mögen den Charme des Gewohnten bieten. Zumindest ein wenig sollte man sich jedoch dem Risiko aussetzen, ein Bild zu erzeugen, wie die Verwaltung einer "digitalen Republik" in zehn Jahren organisiert sein sollte.

Daraus lässt sich dann relativ leicht ableiten, was die Organisation von Wissensarbeit und die Führung von Wissensarbeitern benötigt: Wohl das, was oben beschrieben wurde, und noch einiges Zusätzliche. Es wird spannend sein zu beobachten, in welchen Bereichen das gegenwärtige Führungspersonal dies aus sich heraus zu leisten vermag. Anstöße zu dieser Entwicklung zu setzen ist nicht nur Aufgabe der Politik und der Sozialpartner, sondern auch eine Herausforderung für die Zivilgesellschaft.

Es kommt aber auch auf die Bereitschaft und Hartnäckigkeit der vielen Wissensarbeiter in der Verwaltung an, die Arbeitsbedingungen und Führungsleistungen einzufordern, die sie benötigen, um Österreich noch besser zukunftsfähig zu machen.