"Wiener Zeitung":Ist die Verbreitung von KI-Anwendungen aus Ihrer Sicht einfach eine technologische Weiterentwicklung oder eine Zäsur?

Iris Eisenberger: Aus derzeitiger Perspektive sind KI-Anwendungen eine Weiterentwicklung statistischer Methoden, die ebenso wie KI - imperfekte - Modellierungen der Wirklichkeit bieten. . Bei der KI wissen wir aber anders als in der klassischen Statistik nicht immer, was zwischen Input und Output passiert, und das ist der wesentliche Unterschied. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo wir uns als Gesellschaft genau überlegen müssen, in welchen Bereichen wir KI einsetzen und unter welchen Voraussetzungen: Die Qualität der Daten muss hoch sein, und es muss transparent sein, wie die Daten akquiriert wurden. Es steht viel auf dem Spiel, wenn wir KI in der Justiz einsetzen wollen.

Was steht auf dem Spiel?

Dass wir aus den Augen verlieren, dass das Recht eine kulturelle Errungenschaft mit einer Friedens- und Freiheitsfunktion ist. Diese Freiheit ist der mögliche Preis, den wir zahlen, wenn wir KI einsetzen ohne uns zu fragen, ob wir das wirklich brauchen und wofür. Wir haben diese Technologien schon lang in unserer Gesellschaft, aber wir denken zu wenig über sie nach.

Ist das ein Plädoyer gegen jede KI-Anwendung in der Justiz?

Die Juristin Iris Eisenberger ist seit 2016 Professorin für Rechtswissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Graz und der Universidad de Valladolid sowie Politische Theorie an der London School of Economics. Sie habilitierte an der Universität Wien. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind unter anderem Innovations- und Technologierecht. - © TUM Astrid Eckert
Die Juristin Iris Eisenberger ist seit 2016 Professorin für Rechtswissenschaften an der Universität für Bodenkultur Wien. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Universität Graz und der Universidad de Valladolid sowie Politische Theorie an der London School of Economics. Sie habilitierte an der Universität Wien. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind unter anderem Innovations- und Technologierecht. - © TUM Astrid Eckert

Nein, ganz und gar nicht. KI ist dann besonders gut, wenn sie Ja/ Nein-Fragen beantworten soll, etwa: "Ist auf diesem Foto ein Mensch oder ein Tier zu sehen?" Das kann eine KI viel schneller als ein Mensch. Aber bei Wertentscheidungen halte ich den Einsatz von KI für gefährlich, weil die Qualität der Daten jede KI dazu tendieren lässt, bestehende Diskriminierungen zu perpetuieren - ohne, dass wir dies bemerken. Prognose-Tools wie etwa "Compas", das in den USA über vorzeitige Haftentlassungen entscheidet, werden daher aus meiner Sicht zu Recht kritisiert.

Ist die Hoffnung auf mehr Effizienz durch KI unberechtigt?

Natürlich kann KI Prozesse beschleunigen und Juristen entlasten. Dennoch muss man sich fragen, welche Prozesse will man beschleunigen und warum. Diese Fragen werden zu selten und zu spät gestellt. Es ist sicher eine Erleichterung, wenn eine KI tausende Seiten Akten durchkämmt. Letztendlich sollte aber ein menschlicher Richter urteilen. Es ist sehr wichtig, dass Rechtssuchende im Rechtssystem Menschen gegenüberstehen.

Wird es mit zunehmendem Einsatz von KI schwieriger, mit dem Rechtssystem zu kommunizieren?

Es wird zumindest für diejenigen schwieriger, die - aus welchen Gründen auch immer - von der KI falsch kategorisiert wurden. Wenn KI-Anwendungen zu Fehlurteilen führen, ist dies mit größeren Kosten für das Individuum verbunden, weil es schwieriger wird, Entscheidungen anzufechten. Je mehr KI eingesetzt wird, desto wichtiger wird die Frage der Transparenz und wie wir uns gegen die Entscheidungen wehren können. Aber auch jetzt ist es nicht so, dass das Rechtssystem faktisch für alle gleichermaßen zugänglich und egalitär ist.