Was müsste sich in der juristischen Ausbildung ändern, um den Entwicklungen gerecht zu werden?

An den juristischen Fakultäten beginnt man bereits, Lehrstühle für Technologie- und Innovationsrecht einzurichten. Zugleich richten auch die technischen Universitäten zunehmend Rechtsprofessuren ein. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Juristen und Techniker lernen, miteinander zu kommunizieren. Juristen muss klar sein, dass KI-Anwendungen Modellierungen sind und nicht die Realität abbilden. Techniker müssen verstehen, dass eine Fehlerquote von unter drei Prozent in der IT gut ist, aber für juristische Zwecke nicht ausreichend. In diesem Sinne müsste die interdisziplinäre Kommunikation gestärkt werden.

Hinkt das Recht eigentlich der technologischen Entwicklung hinterher?

Was aus meiner Sicht fehlt, ist ein Experimentierraum, eine "Regulatory Sandbox" für alle Bereiche der Rechtsordnung - vom Öffentlichen Recht bis zum Zivilrecht. Experimentierräume, wo neue Technologien oder Geschäftsmodelle erprobt werden und zugleich geprüft werden kann, welche juristischen Konsequenzen oder regulatorischen Erfordernisse diese neuen Technologien oder Geschäftsmodelle mit sich bringen. So kann man die Effektivität einer Rechtsordnung testen. Im Bereich der Finanzdienstleistungen bzw. der Finanzmarktaufsicht gibt es dies bereits auf der Ebene eines Ministerialentwurfs. Bei FinTech-Innovationen bietet die Behörde Hilfestellung, ob das Geschäftsmodell im Einklang mit der Rechtsordnung steht und was geändert werden muss, damit es den regulatorischen Erfordernissen entspricht. Das ist ein erster Schritt aus meiner Sicht. Sinnvoller wäre es, beides gemeinsam zu entwickeln - das Recht und die Technologie. Wir brauchen als Antwort auf die neue Zeit mehr Mut in der Regulierung, auch den Mut, in der Regulierung Fehler zu machen.

Regulatorische Vorgaben gibt es bislang nur wenige. Sind rechtlich nicht bindende Empfehlungen zu "Trustworthy AI", wie sie etwa die Europäische Kommission vorgelegt hat, aus Ihrer Sicht bloße Kosmetik?

Empfehlungen dieser Art, auch wenn sie rechtlich nicht bindend sind, spielen eine wichtige Rolle, weil sie den Diskurs anregen. Zum Beispiel müssen wir darüber sprechen, wie wir es schaffen, bestehende Diskriminierungen nicht zu verstärken. Es ist letztlich die Aufgabe der Wissenschaft und der Politik, die Innovationen so transparent zu machen, dass wir als Gesellschaft darüber diskutieren können, in welchen Bereichen wir KI einsetzen wollen und wo nicht.