Anders als die Fahrer und Fahrerinnen von Uber in den USA oder die Heerscharen der Klick-Worker in den Niedriglohnländern der Welt können sich österreichische Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf das Kollektivvertragsrecht stützen. Diese "friedensstiftende" Wirkung des Arbeitsrechts sei wichtig, sagt Franz Marhold, Vorstand des Instituts für Europäisches und Österreichisches Arbeits- und Sozialrecht an der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Modernisierungsbedarf beim Arbeitsrecht sei dennoch enorm.

"Wiener Zeitung": Herr Professor Marhold, die Digitalisierung und ihre Verheißungen haben die Zukunft der Arbeit zu einem breit und kontrovers diskutierten Thema gemacht. Wie erlebt ein Arbeitsjurist diese Debatte?

Franz Marhold: Ich fürchte, der betriebene Diskussionsaufwand rund um die Digitalisierung der Arbeit steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedeutung des Themas – aus juristischer Sicht. Es ist durchaus spannend, weil es sich ja quer durch alle Bereiche des Arbeits- und Sozialrechts zieht. Aber rein quantitativ ist das traditionelle Arbeitsverhältnis nach wie vor sehr dominant. Das heißt, an die 95 Prozent der Arbeitsverhältnisse sind entweder "normal", oder sie laufen nicht unter dem Modewort Digitalisierung, obwohl sie bereits die gleichen Probleme aufweisen wie "digitalisierte" Jobs. Die Problematik liegt bei all jenen Tätigkeiten, wo jemand "im delegierten Aktionsbereich" des Arbeitgebers autonom arbeitet. Und dieses Thema ist für uns Juristen nicht unbedingt neu, auch wenn es neue technologische Facetten gibt.

Könnte die Digitalisierung zu neuen Formen der Ausbeutung führen, die neuer rechtlicher Schutzmechanismen bedürfen?

Es gibt solche Befürchtungen für den wachsenden Bereich der digitalen Plattformen, wo jemand für einen Arbeitsauftrag mit einem Hungerhonorar abgespeist werden kann. Ich bin aber zuversichtlich, dass das durch die Rechtsprechung gelöst werden wird. Wir haben es ja jetzt auch schon mit Begriffen wie freier Dienstnehmer, arbeitnehmerähnliche Person oder Werkvertragsnehmer zu tun. Auch die Unterscheidung zwischen Arbeitsvermittlung und unmittelbarem Dienstverhältnis gibt es. Das juristisch-technische Instrumentarium haben wir also.