"Die Bedeutung von Venture-Capital im Bereich Biotech hat in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen", bestätigt Andreas Schmidt. Schmidt ist Molekularbiologe und der Gründer von Ayoxxa Biosystems und Proteona. Beide Unternehmen sind unter anderem mit Risikokapital finanziert und bewegen sich auf technologisch herausforderndem Neuland, der Proteogenomik. Proteona etwa hat eine Technologie für die Einzelzellanalyse entwickelt, die genetische und proteomische Daten kombiniert.

"Vor zehn Jahren konnte man die Venture-Capital-Fonds noch klar einteilen, in VCs die in IT investieren, in Facebook und Google, und die anderen, die in Biotech investieren", sagt Schmidt. Diese Einteilung sei inzwischen obsolet: "Die meisten Themen rund um Gesundheit sind wie in der IT datengetriebene Themen."

Datenbasierte Geschäftsmodelle besonders atrraktiv

Dank der Digitalisierung und der enormen Beschleunigung der Datenverarbeitung konnten sich in Biotech und Pharma neue Geschäftsmodelle etablieren, die für Venture-Capital attraktiv sind, weil sie Skalierbarkeit und schnelles Wachstum versprechen. Gesundheit ist ein Milliardenmarkt. "Dass Venture-Capital die Skalierbarkeit sucht, ist sicher richtig", sagt Kinsky. "Wenn wir zu den Teams sagen ‚Ihr müsst groß denken‘, meinen wir immer den globalen Markt."

Die meisten der jetzt entstehenden Venture-Capital-Fonds werden versuchen, auf erprobte digitale Geschäftsmodelle aufzusetzen, glaubt Kinsky.

Die Gründer des Startups MySugr Gerald Stangl, Frank Westermann, Michael Forisch und Fredrik Debong auf einer Treppe in Wien. MySugr wurde mit öffentlichem und privatem Risikokapital finanziert. Schließlich erwarb das Pharmaunternehmen Roche das Start-up. - © Michael Rottmann
Die Gründer der App MySugr Gerald Stangl, Frank Westermann, Michael Forisch und Fredrik Debong. MySugr wurde mit öffentlichem und privatem Risikokapital finanziert. Schließlich erwarb das Pharmaunternehmen Roche das Start-up. - © Michael Rottmann

Ein prominentes Beispiel aus Österreich ist die Diabetiker-Plattform "MySugr". Der Pharmakonzern Roche war in dem Moment bereit kolportierte 200 Millionen Euro für das Start-up zu zahlen, als MySugr mehr als eine Million Nutzer hatte. "Diese Daten sind der eigentliche Wert", sagt Kinsky.

Interessant für Risikokapitalgeber sind auch Plattformen wie MyTomorrows. Das Start-up aus den Niederlanden vermittelt diagnostische Tests und Medikamente, die noch nicht zugelassen sind, an Patienten und Ärzte, die keine anderen Therapien finden können. Die Vermittlung ist für Patienten und Ärzte kostenlos bzw. zahlen sie – wie so oft – mit ihren Daten: Für Pharmakonzerne ergeben sich wertvolle Erkenntnisse zur Verbesserung der Therapien. Auch Methoden, die die Pipeline der Medikamentenentwicklung und -zulassung verkürzen, ziehen das Interesse von Risikokapital auf sich: "Bei Apex Ventures schauen wir uns gerade ein Start-up an, das die Selektion von Testpersonen wesentlich effizienter macht", erzählt Kinsky. "Auch daraus kann sich ein Geschäftsmodell ergeben."

Risikokapitalgeber tun sich allerdings mitunter noch schwer, die Geschäftsmodelle der Daten-Medizin richtig einzuschätzen, meint der Molekularbiologe Schmidt. Er nennt ein Beispiel: "Viele haben das Business Modell von Foundation Medicine, die die Wirksamkeit von Medikamenten genetisch abschätzen können, mit vielleicht 100 Millionen Dollar bewertet. Letztlich hat Foundation Medicine aber eine Valuation von etwas über fünf Milliarden Dollar erreicht."

Risikokapital sei nicht immer die geeignete Form der Finanzierung. Schmidt verweist auf Aescuvest, eine Crowdinvesting-Plattform des European Institute of Technology (EIT), die auf den Gesundheitssektor spezialisiert ist.

Vor dem Hintergrund steigender Therapiekosten sei es wichtig, eine große Bandbreite an Finanzierungsinstrumenten zu haben und Risiken wie Profite etwa mittels Crowdinvesting breiter zu streuen: "Das ist besonders relevant, weil wir gerade erleben, wie sich völlig auf den Kopf dreht, wie ein Medikament hergestellt wird", sagt Schmidt. "Bis vor zwanzig Jahren war ein Medikament einfach ein chemisches Molekül. Heute sind es biologische Moleküle, bald wird Zelltherapie der Standard sein. Wenn wir diese Art der Präzisionsmedizin wollen, brauchen wir die Start-ups und die Leute, die mit den Daten so umgehen können, dass es dem Patienten nutzt. Die müssen auch daran verdienen können. Weil sie es sonst einfach nicht machen."

Öffentliches Geld, private Gewinne

Gen- und Zelltherapien sind kostspielig und besonders risikoreich. Das Ludwig Boltzmann Institut für Health Technology Assessment (LBI HTA) hat kürzlich versucht herauszufinden, wieviel die öffentliche Hand eigentlich zur Medikamentenentwicklung beiträgt. Im Fall von "Spinraza", ein Medikament zur Behandlung spinaler Muskelatrophie, das bei der ersten Dosis 750.000 Dollar kostet, betrug der Anteil philanthropischer und öffentlicher Förderung 165 Millionen Euro.

"Es gibt keine transparente Kostenrechnung", sagt Claudia Wild, Leiterin des LBI HTA. "Man müsste eigentlich den gesamten Innovationsprozess nachzeichnen und mit Preisen versehen."

Eine solche Abrechnung gibt es bislang nicht. Claudia Wild gibt zu bedenken: "Die besonders risikoreiche Forschung wird – zumindest bei den Medikamenten – öffentlich finanziert. Die Unternehmen kommen erst ins Spiel, wenn das Risiko abschätzbar ist." Auch Start-ups wie MySugr und contextflow gäbe es nicht ohne Geld der öffentlichen Hand. Contextflow etwa geht auf ein 2010 bis 2014 laufendes Forschungsprojekt des 7. EU-Forschungsrahmenprogramms zurück, das mit acht Millionen Euro gefördert wurde.

Größte Wachstumschancen im Fokus

Ohne die öffentliche Hand geht auch im Bereich Risikokapital, zumindest in Europa und in Österreich, nichts. Der Europäische Investitionsfonds EIF und die österreichische AWS sind praktisch an allen Start-ups und allen Fonds beteiligt, die in Europa bzw. Österreich entstehen. Risikofonds wie Speedinvest oder Apex Ventures gäbe es nicht ohne die AWS. Jeder eingesetzte Euro mobilisiere das fünffache an privatem Risikokapital, sagt Bernhard Sagmeister. Dennoch: "Man muss bei neuen Initiativen wie dem Dachfonds auf eine vernünftige Risiko-Balance zwischen privaten Investoren und der öffentlichen Hand achten. Es gilt sicherzustellen, dass nicht die Gewinne privatisiert und das Risiko verstaatlicht werden."

Karl Heinz Leitner ist Innovationsforscher am AIT Austrian Institute of Technology und leitet unter anderem den Austrian Start-up Monitor: "Risikokapital fokussiert auf die Märkte mit den größten Wachstumschancen", sagt er. "Das kann nicht jedes Start-up bieten." Leicht skalierbare Geschäftsmodelle, wie si das Risikokapital sucht, erzwingen ein besonders schnelles Wachstum, denn die Konkurrenz ist umso größer, je schneller sich ein Geschäftsmodell global ausbreiten kann. "Nachhaltigkeit, die kein Wachstum verspricht, ist daher keine primäre Zielgröße für Venture Capital."

Ein Dachfonds für Wagniskapital wie ihn Forschungsrat und AVCO vorschlagen brauche daher komplementäre Anreize, damit in gesellschaftlich wünschenswerten Bereichen innoviert werde, so Leitner: "Innovationen sind nicht nur für Wachstum da, sondern zur Lösung der großen gesellschaftlichen Probleme."