Südkorea gilt zweifelsohne als Geburtsort für das professionelle Computerspielen. Hier ist E-Sport weit mehr als nur ein Hobby für Teenager in Kinderzimmern: Eine hochprofitable Industrie, die laut einer Studie des Kulturministeriums einen Mehrwert von 76 Millionen Dollar generiert. Der E-Sport-Boom hat auch mit massiven staatlichen Investitionen zu tun: Bereits Mitte der Neunzigerjahre erkannte die Regierung das Potenzial des Online-Zeitalters. 1995 erarbeitete sie einen Zehn-Jahres-Plan zum Ausbau der Breitbandverbindungen. Heute verfügt das Land über die schnellsten Internetleitungen der Welt, flächendeckendes WiFi in urbanen Räumen und eine technikaffine Bevölkerung.

Bei der Digitalisierung hatte Südkorea von Beginn an die besten Voraussetzungen: ein dicht besiedeltes Land auf kleiner Fläche und eine hochurbane Bevölkerung. Seit der Jahrtausendwende eröffneten Internetcafés zu Tausenden in der Hauptstadt Seoul. Dort wurde schon bald kompetitiv gegeneinander gezockt. Es war die Geburtsstunde des elektronischen Leistungssports. Es entstanden erste E-Sport-Stadien, Fernsehsender exklusiv für E-Sport und Trainingszentren. Die Bedeutung der Branche für den Staat zeigt sich bei der Eröffnung der ersten E-Sport-Hall-of-Fame: Das Kulturministerium hat ins E-Sport-Zentrum Sangam am westlichen Stadtrand von Seoul geladen, Regierungsbeamte in Anzug und Krawatte halten im Blitzlicht der mehr als 100 Fotografen floskelhafte Reden. Einem Museum gleich wird hier auf Wandtafeln die Historie des Computerspielens in Südkorea erklärt, in Vitrinen sind die Keyboards und Trikots der besten Spieler wie Heiligtümer aufgebahrt. Als Testimonial ist an diesem Spätsommertag ein ganz besonderer Gast gekommen: "Faker" gilt als bester LoL-Spieler aller Zeiten.

Mit seiner runden Nickelbrille, Pilzfrisur und Collegejacke sieht Lee Sang-hyeok zwar wie ein ganz gewöhnlicher Unistudent aus. Unter seinen 600.000 Fans gilt der Südkoreaner, der bereits dreimal die Weltmeisterschaft des Fantasy-Spiels gewonnen hat, jedoch als "Gott". Gesponsert wird "Faker" von SKT, einem der großen Telekommunikationsanbieter Südkoreas. Geschätztes Jahreseinkommen: drei Millionen US-Dollar. Mit starrer Miene sagt er vor den anwesenden Journalisten: "Ich fühle die Verantwortung für mein Land, unsere Industrie auf die nächste Stufe zu heben."

Nur wenige Wochen später sorgt "Faker" für die Überraschung des Jahres - indem sein Team die Qualifikation für die LoL-Meisterschaft verpasst. Seither liegt die Hoffnung auf Landsmann "Rookie", das Erbe von "Faker" fortzuführen. Beim Finale im Munhak-Fußballstadion von Incheon zeigt er eine tadellose Leistung. Nach knapp zwei Stunden hat der Clan Invictus Gaming das Match mit einem triumphalen 3:0 für sich entschieden. In einer Abschlusszeremonie mit Konfettidusche und spektakulärer Lichtperformance huschen die Spieler jubelnd auf die Bühne, um die silberne Pokaltrophäe entgegenzunehmen.

In der koreanischen Novemberkälte wartet Timo Verdeil auf die Pressekonferenz mit dem chinesischen Siegerteam. Er spricht von einem Paradigmenwechsel der LoL-E-Sport-Szene, der sich an diesem Abend vollzogen hat: "In Sachen Spielergehälter und Investorengeldern ist China längst an Korea vorbeigezogen", sagt er. Auch die Statistiken am nächsten Morgen geben ihm recht: Mehr als 205 Millionen Zuschauer haben das Finale im Internet verfolgt - davon 203 Millionen aus China.