Wien. Das nervige Gepiepse war einmal. Seit ihren Anfängen hat sich die Musik heute zu einem der wichtigsten Aspekte von Computerspielen entwickelt. Große Orchester sorgen für das ganz besondere Gefühl beim Zocken. Letztes Jahr übernahm sogar Hans Zimmer - Oscarpreisträger und prominentester Filmkomponist der Gegenwart - die musikalische Untermalung des Computerspiels "Bless Online". Es war ein vorläufiger Höhepunkt. Denn in den vergangenen Jahren hatten immer mehr klassische Filmkomponisten Aufträge für Computerspiele angenommen.

Von der Popularität der cineastischen Klänge ist man in der Spielewelt zwar noch weit entfernt, doch werden inzwischen immerhin schon Videospielkonzerte im deutschen Kulturfernsehen übertragen. Auch auf YouTube generieren Soundtracks zu Computerspielen Millionen Klicks. Musik in Videospielen, sagen Experten, kann eine stärkere Wirkung als im Film entfalten.

"Bei jeder Spielsitzung entsteht eine andere Kombination von Bild, Ton und Gameplay", erklärt die Musikwissenschafterin Melanie Fritsch von der Universität Bayreuth. Denn Geschichten im Computerspiel werden zwar, wie auch im Film, von eigenen Erzählern geschrieben. Der große Unterschied zwischen dem Film und dem Computerspiel liegt jedoch in der Interaktivität. Der Spieler steuert seine Figur und kann frei wählen, wohin er sich bewegt, während ihm dabei die entsprechenden Klänge folgen.

Koppelung an das Geschehen

Computerspielmusik sei dadurch "aufwendiger, komplexer als Filmmusik" und stellt die Komponisten vor neue und spannende Herausforderungen: Durch die Bewegungsfreiheit der Spieler seien die Übergänge zwischen den Liedern nicht immer vorauszuplanen, sagt Fritsch. Daher müsse die Musik so komponiert werden, dass sie "auf das tatsächliche aktuelle Spielgeschehen reagieren kann und dabei trotzdem noch als sinnvolles musikalisches Ganzes funktionieren und flüssige Übergänge zwischen den einzelnen musikalischen Abschnitten ermöglichen kann".

Die Musik hat Fritsch zufolge zwei Hauptaufgaben zu erfüllen: Sie müsse "erstens für die richtige Stimmung sorgen" sowie "zweitens zum Gameplay passen", wobei für ein perfektes Spielerlebnis ein "Ineinandergreifen beider Funktionen essenziell" sei.

Welche Herausforderungen dabei auf die Komponisten zukommen, zeigt sich am Beispiel des Computerspiels "Gris". Es ist ein Jump’n’Run-Spiel, bei dem sich die Spieler auf die Reise durch eine aquarellfarbene surreale Welt begeben - die Wiener Zeitung berichtete. Das Spiel erzählt die Geschichte eines Mädchens, welches vor den Trümmern ihrer eigenen Welt steht. Der Soundtrack wurde von der spanischen Band "Berlinist" geschrieben, welche aufgrund ihres melancholischen Stils mit der Komposition beauftragt wurden. Und so fügt sich die Musik nahtlos in die Geschichte sowie den Grafikstil von "Gris" ein: Die Spanier führen den Spieler durch sanfte Klavierklänge, gepaart mit wehmütigen Stimmeinlagen der Sopranistin, in eine Welt voller Schmerz und Trauer. Dahinter steckt jedoch lange harte Arbeit. Drei Jahre dauerte der Kompositionsprozess - von der ersten Note bis zur Einbettung in das fertige Spiel.

Spieler an der Hand nehmen

"Es hieß, es ginge um ein Mädchen, das sich in einer traumhaften Landschaft verliere", sagt die Sängerin von "Berlinist", Gemma Gamarra, zur "Wiener Zeitung". Die ersten Klänge entstanden basierend auf einer Zeichnung. "Im Laufe der Zeit bekamen wir mehr Details, das reichte, um ein musikalisches Universum voller verschiedener Klangfarben und Stimmungen zu schaffen." Die Musik in "Gris" ziele darauf ab, den Spieler an der Hand zu führen und emotional in die Welt der Protagonistin eintauchen zu lassen, ohne dabei störend zu wirken.

Nicht nur Komponisten werden vor neue Herausforderungen gestellt. Auch die Forschung beschäftigt sich mit der Frage, wie die Musik für die Nachwelt authentisch erfahrbar gemacht werden kann. Melanie Fritsch zufolge sei es nicht ausreichend, sie "einfach nur aufzuzeichnen", da die Musik "eng mit dem jeweiligen Spiel verwoben" sei. Daher müsse man das Spiel "am besten auf den Originalmaschinen" spielen. Die Musik der blauen Pokemon Edition wirkt über einen Gameboy Color anders, als über den Computer. Daher gibt es auf den österreichischen Spielemessen, wie der GameCity 2019, eigene Retro Bereiche, bei dem die Besucher ältere Spiele auf den Originalgeräten spielen können.

Ein Blick in die Zukunft und die steigende Nachfrage lassen vermuten, dass es mit dem Einstieg von Filmkomponisten in den Videospielmarkt nur eine Frage der Zeit ist, bis Gruppen wie "Berlinist" in einem konzertanten Rahmen tausende Menschen beschallen werden. So wie auch bei der Filmmusik, die erst 30 Jahre nach ihren Anfängen in den 1930ern zu Anerkennung gelangte.