- © WZ-Collage: Irma Tulek; Quelle: unsplash, adobe stock
© WZ-Collage: Irma Tulek; Quelle: unsplash, adobe stock

Wien. Alles ist möglich. Ob Schurke oder Held, Elfe oder Ork, Heiler oder Krieger: In Computer-Rollenspielen kann der Spieler in unzählige Rollen schlüpfen. Er entscheidet, wie muskulös, attraktiv und gewieft sein Avatar ist. Doch nicht nur das Aussehen der Figur ist formbar. In vielen Titeln kann er mit seinen Handlungen auch die Spielwelt und den Spielverlauf beeinflussen. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Sozialpädagogen und Computerspieleforscher Martin Geisler darüber, wie der Avatar mit der Identität des Spielers verknüpft ist.

"Wiener Zeitung": Herr Geisler, nach welchen Kriterien wählt der Spieler seinen Avatar aus?

Martin Geisler: Einen Avatar baue ich nicht völlig losgelöst von mir selbst zusammen. In der Figur stecken immer - bewusst oder unbewusst - Sehnsüchte, Bedürfnisse und Identitätsentwürfe. Beim Bau des Avatars gibt es daher viele Möglichkeiten. Ein wichtiges Kriterium ist dabei, wie gefestigt die Identität des Spielers bereits ist oder wie gern er damit experimentiert. So gibt es Menschen, die mit ihrem Aussehen und Habitus zufrieden sind und Spaß daran haben, dieses reale Ich ins Virtuelle zu übertragen. Sie wollen mit sich selbst in der virtuellen Welt operieren.

Martin Geisler ist an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena Professor für Kultur und Medien. Er forscht unter anderem zur Spiel- und Medienpädagogik und spielt selbst Computerspiele. - © Privat
Martin Geisler ist an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena Professor für Kultur und Medien. Er forscht unter anderem zur Spiel- und Medienpädagogik und spielt selbst Computerspiele. - © Privat

Also bauen sie Figuren, die ihnen ähnlich schauen?

Ja. Es kann aber auch sein, dass Spieler sich selbst gestalten, weil ihnen sonst nichts einfällt. Sie sind eingeengt und sehen keinen kreativen Spielraum.

Wie gehen experimentierfreudigere Spieler vor?

Sie wollen bewusst etwas Neues machen: etwa der schlanke, große Typ, der einen dicken Zwerg auswählt. Noch radikaler ist der Geschlechtertausch, wenn jemand also eine Figur mit einem anderen Geschlecht auswählt.

Was hat das für Gründe?

Es gibt verschiedene Motive. Nehmen wir eine Frau, die einen männlichen Avatar gewählt hat. Das kann daran liegen, dass sie genervt davon ist, ständig angemacht zu werden, wenn sie als attraktive Frau herumrennt. Spielt sie einen Muskelprotz, passiert ihr das deutlich seltener.

Und was ist bei dem Mann, der eine Frau spielt?

Das kommt öfters vor. Es kann schlicht ein optischer Anreiz sein. Jemand, der dutzende Stunden in einem Spiel verbringt, kann einfach Lust daran haben, eine attraktive Figur in der 3D-Perspektive anzusehen. Für andere ist es interessant, mal selbst zu erleben, wie es als scheinbare Frau ist, angemacht zu werden. Das passiert aber eher zufällig. Nur sehr wenige Spieler wollen bewusst Reaktionen auf ihre weibliche Spielfigur haben.