Montreuil/Wien. Selten war die Welt so schön wie nach der atomaren Apokalypse. Knapp 20 Jahre sind vergangen seit den Bomben. Als die wenigen verbleibenden Menschen in Montana zum ersten Mal wieder an die Oberfläche kommen, strahlt ihnen eine Blumenpracht entgegen, über die munter die Tiere des Waldes jagen. Doch eines stört nun das Paradies: die Rückkehr der Menschen selbst.

Der Grundgedanke von "Far Cry New Dawn" ist durchaus plausibel. Immerhin hat sich die Todeszone von Tschernobyl mittlerweile auch zu einem - man möchte fast sagen idyllischen - Reservat für Flora und Fauna entwickelt. Die Schönheit der Natur kommt in "Far Cry" bestens zur Geltung. Publisher und Entwickler Ubisoft bietet gewohnt großartige Grafik. Einige Charaktere sind derart realistisch, dass man meinen möchte, es handle sich um Szenen aus einem Film mit echten Schauspielern (besonders gelungen: Joseph Seed).

Als Hauptmann (oder Hauptfrau) einer kleinen Truppe versucht man, einer raubenden und mordenden Gruppe Einhalt zu gebieten, die den friedlichen Wiederaufbau der Welt stören. Dabei präsentiert sich "Far Cry New Dawn" ein wenig wie ein schlankes "Assassin’s Creed" (AC) für Ungeduldige (ebenfalls aus dem Hause Ubisoft). Auch hier muss man Festungen einnehmen - was sich allerdings bei "Far Cry" etwas simpler gestaltet. Steuerung und Schussmechanik sind angenehm präzise. Anschleichen und meucheln funktioniert wie gewohnt, ebenso wird man optisch wie akustisch gewarnt, wenn man gerade dabei ist, von einem Feind entdeckt zu werden. Die mühsamen Neben- und Sammelquests hingegen halten sich in einem erträglichen Rahmen.

Die Fähigkeiten des Charakters lassen sich ausbauen und weiterentwickeln. Die Spielwelt ist überschaubar, aber groß genug, um sich über zig Stunden darin zu verlieren. Der Spieler wird sanft aber bestimmt durch die spannende Geschichte geführt. Dafür sorgen die Waffenstufen, die auch aus AC bekannt, wenn auch etwas simpler sind: Erst mit Absolvierung bestimmter Aufgaben kann die nächst höhere Waffenstufe freigeschaltet werden. Die wiederum ist nötig, um gegen stärkere Gegner in bestimmten Regionen zu bestehen. Verfügt man nicht über die entsprechende Waffenpower, könnte man genausogut mit einer Spritzpistole auf die Gegner losgehen. Das sorgt dafür, dass sich der Spielfortschritt in den vorgesehenen Bahnen bewegt.

KI ordentlich, aber nicht genial

Zusätzlich kann man sich bei seinen Einsätzen von verbündeten Charakteren unterstützen lassen. Deren Steuerung übernimmt der Computer.

Die künstliche Intelligenz ist dabei in Ordnung: nicht superschlau, dafür auf demselben Level wie die Gegner. Sie kann aber schon für heitere Momente sorgen. Etwa dann, wenn man gerade zum entscheidenden Schuss angelegt hat und einem die Verbündete just im Moment des Abdrückens in den Lauf rennt. Dann liegt statt des Finsterlings die dumme Nuss sterbend am Boden und kann auch nicht helfen, wenn man überwältigt wird, während man gerade am Nachladen ist.

Worüber man großzügig hinwegsehen muss, sind die Dialoge. Sie wirken stellenweise so, als wären sie an ein Publikum von Volksschülern gerichtet. Das wiederum widerspricht der Altersempfehlung von 18 Jahren. Hat man sich daran gewöhnt, erhält man eine packende Geschichte, die gegen Ende mit einem Touch Mystizismus ins Unwirkliche abbiegt. Die letzten Boss-Kämpfe sind großartig. Einmal geschafft, hält sich das Bedürfnis nach einer Wiederholung in Grenzen.

"Far Cry New Dawn" ist eine gelungene Mischung aus Shooter und Action-Adventure, geradlinig. unterhaltsam, ohne unnötige Längen, dafür liegt es mit rund 45 Euro um 15 Euro unter dem Standardeinführungspreis großer Titel.

Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt.