Wien. (dab) Eine wunderschöne Spielwelt, ein innovatives Szenario und eine gehörige Portion Action: Das Computerspiel "Anthem" hätte die richtigen Zutaten für einen Hit gehabt. Doch ist es Herausgeber Electronic Arts (EA) und Entwickler Bioware nicht gelungen, daraus einen Erfolg zu brauen. Vielmehr wirkt der eben erschienene Titel an vielen Stellen noch halb gar.

Mit "Anthem" wagten EA und Bioware ein Experiment. Denn bisher war der kanadische Entwickler Bioware vor allem für seine Action- und Taktik-Rollenspiele mit fesselnden Geschichten und Charakteren bekannt. "Anthem" hingegen ist ein sogenannter Loot-Shooter. In diesem Genre geht es darum, die Spielfigur durch die Erfüllung von Missionen in höhere Level aufsteigen zu lassen. Da online gespielt wird, kann man die Aufgaben mit Fremden, aber auch mit Freunden, absolvieren.

Gelungene Präsentation

Der Spieler erhält nach und nach neue Ausrüstung und Fähigkeiten, seine Figur kann er dabei nach seinem Gusto formen. Gleichzeitig werden die Gegner stärker und die Kämpfe und Missionen anspruchsvoller. Im besten Fall entsteht dadurch ein Spirale, die den Spieler einsaugt und nach höheren Levels streben lässt.

"Anthem" gelingt das nicht. Der Grund dafür ist keineswegs die Präsentation, die gelungen ist: Die Grafik ist atemberaubend, die Spielwelt riesig. Auch das Szenario ist interessant. Die Götter haben die Welt verlassen, das Chaos hat sich breitgemacht. Die Menschen haben sich in Städte, die von gigantischen Mauern umgeben sind, zurückgezogen. Davor lauern überall Monster.

Nur die "Freelancer" wagen sich in speziellen Anzügen aus den Städten. Diese erlauben es ihnen, zu fliegen und diverse Waffen einzusetzen. Das Fliegen ist auch der stärkste Teil des Spiels. Durch die vielfältige Welt, durch Wasserfälle, Tunnel und Wälder zu düsen, ist imposant.

Doch scheitert "Anthem" an seinem mageren Inhalt. Die Missionen sind allesamt nach dem gleichen Schema aufgebaut: Fliege zu Punkt A, bekämpfe die Gegner, fliege zu Punkt B, sammle die Gegenstände, fliege zu Punkt C, und so weiter und so fort.

Nun war eine epische Geschichte aufgrund der neuen Fokussierung von Bioware nicht zu erwarten. "Anthem" aber liefert mit seinen uninspirierten Dialogen und farblosen Figuren eine überraschend schwache Erzählung ab.

Fehlende Abwechslung

Die Motivation ist dadurch schnell verloren. Denn wozu sich hochleveln, wenn man nach ein paar Stunden alles schon einmal erlebt und gesehen hat?

Auch die Kämpfe bringen hier keine Abwechslung. Taktisches Vorgehen ist kaum gefragt, gelegentlich muss man sich zurückziehen, um seine Schilde aufzuladen, ansonsten aber gerät "Anthem" zur stupiden Ballerorgie. Die langen Ladezeiten, die "Anthem" plagen, sind zudem gerade für einen Loot-Shooter, der von seiner Unkompliziertheit und Schnelligkeit lebt, fatal.

EA und Bioware haben auf die Kritik und weltweit schlechten Wertungen für das Spiel bereits reagiert. Sie haben angekündigt, weitere Inhalte für das Spiel nachzuliefern und Verbesserungen vorzunehmen. Ob sie damit noch den Turnaround schaffen, wird die "Wiener Zeitung" in den nächsten Monaten untersuchen.

Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Das Spiel ist für PS4, Xbox One und PC erschienen.