Es ist aber vor allem eine Technologie, die neue Möglichkeiten eröffnet: das Motion Capture. Schauspieler können damit detailgetreu in einen Film oder eben ein Videospiel integriert werden. Jede Bewegung wird per Sensoren eingefangen und digital übertragen, selbst das kleinste Blinzeln, das hauchdünnste Zucken einer Lachfalte, wird digital erfasst und ist für den Spieler erkennbar. Der Schauspieler selbst wird also zu einer Spiel- oder Filmfigur.

Ihren Durchbruch feierte die Technik in den 2000ern mit der "Herr der Ringe"-Trilogie von Peter Jackson, in der die Figur "Gollum" mittels Motion Capture zum Leben erweckt wurde. Bald schon aber erntete auch die Computerspielbranche die Früchte dieses technischen Fortschritts. In "Heavy Rain" (2010) und "Beyond: Two Souls" (2013) kommt es zu einer Verschmelzung zwischen Film und Spiel, inklusive bekannter Namen: So übernimmt unter anderem Willem Dafoe eine Rolle in "Beyond: Two Souls".

Die beiden Titel sind aber weniger klassische Computerspiele, in denen man weitestgehend frei mit einer Figur agieren kann, sondern vielmehr interaktive Filme, die mehr von Zwischensequenzen geprägt sind und nur punktuell Spielelemente enthalten.

Finanzieller Boom

Während sich immer mehr Stars in die digitale Welt wagen, laufen Computerspiele der Filmbranche nach und nach den Rang ab. Das zeigt ein Blick nach Deutschland. Laut dem Branchenmagazin "GamesWirtschaft" kam das Segment "Film & TV" 2018 auf drei Milliarden Euro Umsatz, die Spielebranche hingegen liegt bereits bei 3,5 Milliarden Euro. Der 2013 erschiene Spiele-Blockbuster "GTA 5" hat weltweit mehr als sechs Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Zum Vergleich: "Avatar", der finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten, hat knapp 2,8 Milliarden US-Dollar eingespielt.

Ein weiterer Wendepunkt wurde nun möglicherweise in Kalifornien eingeläutet. Dort fand in Los Angeles vor knapp zwei Wochen die bedeutende Videospielmesse E3 statt, unter anderem wurden neue Informationen zu "Cyberpunk 2077", einem der meisterwarteten Spiele für 2020, präsentiert. Auf einer riesigen Bühne, vor einer Menschenmasse, wurde auf einem gigantischen Bildschirm offenbart, dass Reeves in "Cyberpunk 2077" per Motion Capture die Figur Johnny Silverhand verkörpert. Reeves kam selbst auf die Bühne, um das Spiel zu bewerben, sein Auftritt löste im Internet einen Begeisterungssturm aus.

Anders als die bisherigen Titel ist "Cyberpunk 2077" aber kein interaktiver Film, sondern mehr ein klassisches Action- und Rollenspiel. So wird es wohl auch möglich sein, Seite an Seite mit Reeves bzw. Silverhand zu kämpfen. Sogar über eine mögliche Liebschaft, die man mit dem Star in dem Spiel eingehen könnte, wird bereits spekuliert.

"Um Jahre voraus"

Wird "Cyberpunk 2077" ein Erfolg, könnten weitere Schauspielgrößen zu Auftritten in der digitalen Welt animiert werden. Wie wäre es denn, selbst einmal Leonardo DiCaprio oder Brad Pitt in einem Action-Videospiel zu steuern und ihnen quasi als Regisseur Anweisungen zu geben? Ein weiterer Titel ist bereits in den Starlöchern: Im mysteriösen Action-Adventure "Death Stranding" tritt etwa der dänische Hollywood-Star Mads Mikkelsen auf. Das Spiel soll im November erscheinen.

Die technischen Möglichkeiten erscheinen jedenfalls vielversprechend: "Die Game-Industrie ist technisch mit Sicherheit um einige Jahre weiter als die Filmindustrie", sagt Sven Sauer gegenüber dem Blog "Cinema Strikes Back". Sauer ist "Matte Painter", also so etwas wie ein digitaler Kulissenbauer. So schuf er per Computer die Welt, die in der erfolgreichen Serie "Game of Thrones" zu sehen ist. "Die Systeme können mittlerweile in Echtzeit eine Grafik zeigen, die wir im Filmbereich zum Teil noch nicht einmal gerendert hinbekommen."