Es herrscht eine Stimmung wie zur Haupttransferzeit im Fußball: Streaming-Plattformen haben in den vergangenen Tagen und Wochen Verträge in Millionenhöhe mit Gamern abgeschlossen. Die exklusiven Deals zeigen erneut den exponentiellen Aufstieg der Branche, in der inzwischen nicht nur die Spieleentwickler, sondern auch die Plattformen selbst um die besten Streamer buhlen.

In einer offenbar akkordierten Aktion haben Benjamin "DrLupo" Lupo, Saqib "Lirik" Zahid und Timothy "TimTheTatman" Betar bekanntgegeben, in den nächsten Jahren exklusiv auf Twitch zu bleiben. Die drei gehören zu den Top-Akteuren auf der Streaming-Plattform und vereinen ein Millionenpublikum hinter sich. "TimTheTaman" verfügt über knapp 4,2 Millionen, "DrLupo" über knapp 3,7 Millionen und "Lirik" über 2,5 Millionen Follower.

Verträge wie bei Spitzensportlern

Die Streamer wurden mittels Exklusivverträgen an Twitch gebunden, über die genauen Vertragsdetails ist nichts bekannt. Allzu billig wird das Geschäft für Twitch, das dem US-Konzern Amazon gehört, nicht gewesen sein: Laut Branchenexperten sind die Deals potenziell mehrere Millionen US-Dollar wert. Das kommt zwar noch nicht an die kolportierten elf Millionen Euro Jahresgehalt eines David Alaba heran, spielt aber immerhin schon in der Liga internationaler Top-Sportler mit. Hinzu kommen bei den Streamern noch ihre Grundeinnahmen in Höhe von mehreren hunderttausend Euro.

Die aktuellen Verpflichtungen verschaffen Twitch wieder ein wenig Luft zum Atmen: Zuletzt waren einige Top-Streamer von der Konkurrenz verpflichtet worden. Die Streaming-Plattform Mixer von Microsoft verpflichtete im August 2019 Tyler "Ninja" Blevins. Der junge Mann gilt als der Überstreamer überhaupt und wurde durch das populäre Spiel "Fortnite" bekannt. Auf Twitch war er vor seinem Abgang 14 Millionen Follower schwer. Auch bei diesem Deal wurde Stillschweigen über die Vertragssumme vereinbart, Beobachter gehen aber von mehreren Millionen US-Dollar aus.

Ebenso wechselte die Nummer 2 auf Twitch, Michael "Shroud" Grzesiek, das Lager. Der ehemalige "Counter Strike"-Profi streamt neben seinem Stammspiel auch andere Taktik-Shooter wie "Player Unknown’s Battlegrounds" oder "Apex Legends".

Doch es sollte nicht nur bei "Ninja" und "Shroud" bleiben: Mixer schnappte Twitch weitere populäre Streamer wie den "Destiny"-Spieler Cory "Gothalion" Michael mittels Exklusivverträgen weg. Damit ist Mixer rein von den höchstbewerteten Spielern her besser aufgestellt als Twitch. "Tim TheTaman" und "DrLupo" belegen nämlich lediglich die Plätze sieben und elf in der Jahreswertung der beliebtesten Streamer.

YouTube und Facebook mischen mit

Für zusätzliche Dramatik sorgt der Umstand, dass auch andere Plattformen auf dem Streaming-Markt mitmischen. YouTube stieg ins Spiel ein, das immer mehr dem Transfergeschäft im Sport gleicht: Die zum US-Konzern Google gehörende Website holte sich im November Jack "Courage JD" Dunlop, der mit seinem "Fortnite"-Stream auf Twitch mehr als zwei Millionen Follower hatte.

Ebenso startete Facebook vergangenes Jahr mit "Facebook Gaming" sein eigenes Streamingportal. Allerdings konnte sich die Plattform gegenüber der Konkurrenz nicht durchsetzen. Nun versucht der Social-Media-Gigant auch dadurch Meter zu machen, dass er mit hochdotierten Verträgen bekannte Twitch-Streamer an sich bindet. Es gelang, den "Hearthstone"- und "Teamfight Tactics"-Streamer, Jeremy "DisguisedToast" Wang, zu kontraktieren. Dazu gesellte sich der größte "Smash Bros."-Streamer und ehemalige E-Sportler Gonzalo "Zero" Barrios. Beide streamen nun exklusiv auf Facebook.

Twitch bleibt der
Platzhirsch

Bereits vor einem Jahr war ein Beben durch die Streaming-Welt gegangen. Da hatte der Spieleentwickler Electronic Arts mehrere "Fortnite"-Streamer - darunter "Ninja" und "Shroud" - mit kolportierten Millionenverträgen für das hauseigene Spiel "Apex Legends" abgeworben. Nun ist das Transfergerangel auf Plattformebene angelangt.

Trotz der Abgänge blieb Twitch bisher allerdings der Platzhirsch im Bereich des Computerspiel-Streamings. Und auch die Streamer, die den Absprung wagten, müssen erst an ihre Erfolge auf Twitch anschließen.