Übergewichtige Bleichgesichter, die sich von Chips ernähren und mit ihren fettigen Fingern Tastatur und Controller malträtieren. Nichtsnutze, die in einer Fantasiewelt Spielchen spielen, die ohnedies abseits jeglicher Realität stehen. Igor Fraga straft so gut wie jedes Klischee, das man über Computerspieler haben kann, Lügen. Der schlaksige Brasilianer ist Computerspieler und im E-Sport höchst erfolgreich.

Höchste Konzentration bei Igor Fraga. - © Getty Images/ afp/Clive Rose
Höchste Konzentration bei Igor Fraga. - © Getty Images/ afp/Clive Rose

2018 gewann er mit der Rennsimulation "Gran Turismo" auf der Playstation 4 den Titel als bester Fahrer der Welt. Noch im Dezember 2019 gewann der 22-Jährige als Teil des Teams von Toyota die Mannschaftsmeisterschaft in "Gran Turismo". Vergangenes Wochenende wurde er erneut Bester - allerdings nicht in der virtuellen Welt. Fraga ist nun der amtierende Meister der Rennsportserie Toyota Racing. Er setzte sich im letzten Rennen gegen den Titelverteidiger durch und schaffte es so, sich an die Spitze des Klassements zu setzen.

Seit frühster Kindheit saß Fraga im Wohnzimmer seiner Eltern hinter dem Lenkrad. Seiner Passion ging er nebenbei auch bei Kart-Rennen nach. Fragas Wunsch war es, Rennfahrer zu werden. Dafür nahm die Familie einiges in Kauf. Um an diversen Rennen teilnehmen zu können, kratzte der Vater sein Erspartes zusammen, während der Filius in Autos saß, die sich aus von anderen Fahrern ausgemusterten Komponenten zusammensetzten. Während der Rennsaison lebten die beiden im Mietauto und duschten sich im Freien mit Wasserflaschen.

E-Sport bringt Sponsoren
für realen Rennsport

Seine großen Erfolge feierte Igor Fraga aber auf der Playstation. Dass E-Sportler nicht körperlich fit sein müssen, glauben ja grundsätzlich nur mehr die wenigsten Menschen. Die Vorstellung, dass E-Sport mit realem Sport durchaus in einer Liga spielen kann, ist hingegen etwas, das sich nur allmählich durchsetzt. Wobei: Profi-Rennfahrer attestieren Videospielen wie "Assetto Corsa" oder "Gran Turismo" immer wieder einen herausragenden Realismus.

Es war schließlich auch Fragas Talent im Videospiel, das ihm schließlich den Durchbruch im realen Motorsport brachte. Denn sein Erfolg in "Gran Turismo" auf der Playstation brachte ihm Sponsorengelder von Sony. Damit wiederum konnte er sich einerseits die notwendige technische Ausstattung leisten. Andererseits konnte er das nötige Nenngeld aufbringen. Die Teilnahme an der Toyota Racing Series kostet beispielsweise umgerechnet etwa 120.000 Euro.

Mit seinem Sieg in diesem Wettbewerb ist Fraga das neueste Beispiel in einer Reihe von Verwischungen der Grenzen zwischen realem und virtuellem Rennsport.

Vor ziemlich genau einem Jahr duellierten sich der E-Sportler Enzo Bonito und der Formel-1-Pilot Lucas di Grassi auf einer Rennstrecke in Mexiko. Bonito entschied nicht nur das Rennen für sich, sondern drehte auch die schnellste Runde des Tages. Umgekehrt sind die F1-Fahrer Lando Norris und Max Verstappen nicht nur in ihren Boliden herausragende Fahrer, sondern haben auch auf der virtuellen Rennstrecken das Sagen. Die beiden Videospielfans gewannen vor einem halben Jahr das virtuelle 24-Stunden-Rennen von Spa, das von iRacing veranstaltet wurde.

So überrascht es nicht, dass die Wechselwirkung zwischen realer und virtueller Sportwelt zunimmt. Sportler wie Fraga führen vor, wie der E-Sport für Sponsoren die Eintrittskarte in den echten Rennsport sein kann. Daneben dient die virtuelle Welt längst als Übungsgeländer für Piloten. Schulungen, Tests - findet inzwischen alles auf dem Computer statt. Die großen Rennställe, zumal in der Formel 1, haben mittlerweile alle Simulatorfahrer angestellt. Die Vorzüge der Videospiele beschränken sich aber nicht nur auf Rennspiele. Auch in anderen Sportarten dient die virtuelle Welt der Verbesserung der Resultate in der realen. So wird etwa auch aus dem Fußballbereich berichtet, dass die Simulation "Fifa" das taktische Verständnis schärft.

Für Igor Fraga geht es unterdessen nach seinen E-Sport-Erfolgen auch im Rennsport steil bergauf: Diese Saison wechselt er in die Formel 3. Dort wird er sich den Rennstall mit einem gewissen David Schuhmacher teilen, Sohn von Ralph und Neffe von F1-Legende Michael.