Waren das Zeiten, als das alte Team des kanadischen Videospielentwicklers Bioware in den 1990er und 2000er Jahren mit das Beste auf den Markt brachte, was es bis heute an Rollenspielen gibt: spannende Erzählungen, Charaktere mit Tiefgang und schwere moralische Entscheidungen, die die Entwicklung der Geschichte maßgeblich beeinflussen. Die Qualität von Spielidee und -design ist bis heute vielfach unerreicht.

Einzig die technischen Eigenschaften, wie etwa die Grafik, können dem laufenden Fortschritt nicht standhalten. Da scheint es nur allzu plausibel, die alten Spiele irgendwann grafisch aufzupolieren und neu aufzulegen. Genau das hat Electronic Arts nun gemacht. In der "Mass Effect Legendary Edition" wurden die ersten drei Teile der Serie des Bioware-Studios überarbeitet, das der US-Videospielgigant 2007 übernommen hat. Daran werden sowohl jene eine Freude haben, die das Lieblingsspiel aus vergangenen Tagen in einer aufgehübschten Version spielen wollen, als auch jene, die zum ersten Mal die Rollenspielserie zocken.

In der Rolle von Commander Shepard versucht man in einer fernen Zukunft, die Menschheit vor ihrer Vernichtung zu retten. Dafür müssen Intrigen aufgedeckt, Allianzen mit fremden Völkern geschlossen und Bösewichte ausgeschaltet werden. Gewürzt ist das Ganze mit persönlichen Feindschaften, Freundschaften und Liebschaften. Diplomatisches Geschick ist ebenso wichtig wie Treffsicherheit und die Wahl richtiger Entscheidungen, um letztlich ans Ziel zu gelangen.

Erfolgreich remastered

Rollenspiele sind wie Bücher, in denen man selbst die Kontrolle über die Hauptperson übernimmt. Und so gilt auch für beide: Man liest nie dasselbe Buch zweimal. Eine Weisheit, die der veränderten Wahrnehmung eines Buches Rechnung trägt, wenn man dieses bereits gelesen hat. Das werden auch erfahrene Spieler von "Mass Effect" bemerken. Manche Nebenmission wirkt auf einmal ein wenig flacher, weil man deren Ausgang schon kennt. Dafür ergeben sich neue Herausforderungen, die Revision von Entscheidungen etwa, mit denen man beim letzten Mal nicht ganz so zufrieden war; oder der Versuch, durch stets richtige Handlungen das für sich beste Ende freizuschalten - was einem beim letzten Spiel vielleicht nicht gelungen ist. Wer "Mass Effect" hingegen noch nie gespielt hat, kann sich vorbehaltlos auf zig Stunden blendender Unterhaltung freuen.

Kritisch, um sich an einem Jahrzehnte alten, guten Spielen erfreuen zu können, sind oft die ersten paar Stunden. Jene Zeit, die man braucht, um geistig die technischen Ansprüche herunterzuschrauben und sich nur auf das Spiel an sich zu konzentrieren. Dieses Problem behebt die überarbeitete Version von "Mass Effect". Die Grafik ist zwar noch immer nicht State of the Art, lässt einen aber loslegen, ohne sich allzu viele Gedanken über veraltete Technik zu machen.

Vor allem der 14 Jahre alte erste Teil wurde auf ein Level gebracht, das heute wieder Spaß macht. Einst verwaschen wirkende Gesichter haben auf einmal eine feinporige Hautstruktur; wo es verpixelte Übergänge gab, sieht man nun geglättete Strukturen; auch die Kleidung wurde offenbar mit viel Liebe zum Detail aufgebessert: Hier werden im Gegensatz zum Original auf einmal Fasern sichtbar, dort wiederum ein dezent hinzugefügtes Abzeichen.

"Andromeda" nicht dabei

Die verunglückte dritte Fortsetzung der Serie, "Mass Effect Andromeda", wurde glücklicherweise nicht in den "Legendary"-Kanon aufgenommen. So steht einem Spielvergnügen für erfahrene und neue Spieler nichts mehr im Wege. Preislich ist "Mass Effect Legendary Edition" mit rund 60 Euro in Ordnung. Damit bewegt man sich in der Region großer neuer Titel, erhält dafür aber drei gute, wenn auch schon ältere Spiele. Die originalen "Mass Effect"-Teile 1 bis 3 belaufen sich einzeln gekauft auf insgesamt rund 40 Euro, die fix und fertig zusammengestellte Original-Trilogie schlägt mit knapp 50 Euro zu Buche.

Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt. "Mass Effect Legendary Edition" ist für PC, PS4 sowie Xbox One erschienen.