Das neue "Fifa" ist für viele Spieler wie die Autobahnvignette unter Autofahrern: ein fix eingeplanter jährlicher Kauf. Damit verbunden ist die alljährliche Spannung, wie die Entwickler von "Electronic Arts" aufs Neue versucht haben, das Spiel zu verbessern.

Oft geht es dabei primär um Team- und Spielerupdates. Hier gibt es eine neue Steuerungsoption, dort ein zusätzliches Feature. Dieses Jahr hat Entwickler "Electronic Arts" die Spielmechanik radikal überarbeitet und könnte damit eine neue "Fifa"-Generation begründet haben.

"Fifa 22" ist das beste "Fifa" aller Zeiten. Das beginnt einmal mit dem Ballverhalten und der Geschwindigkeit. Die Kugel rollt langsamer, realistischer - so wie eigentlich fast alles im Spiel. Dribblings, Kopfballduelle, Schüsse: Alles wirkt flüssiger und authentischer. Genau gezielte Flachpässe quer über das Fußballfeld, die sind zwar immer noch möglich, doch viel schwieriger. Und sie rufen erstmals die notwendige Tastenkombination für den starken Pass auf den Plan, die man bisher eher vernachlässigen konnte. "Fifa 22" stößt in Sphären eines Pro Evolution Soccer bzw. Efootball vor, das unter Insidern stets der Maßstab in Sachen realistischer Fußballsimulation war.

Doch auch an anderer Stelle wurde nachjustiert. Einer der schlimmsten Momente für jeden Spieler von Fußballsimulationen ist jener, in dem die vom Computer gesteuerten eigenen Mitspieler ein absurdes und vor allem spielbehinderndes Verhalten an den Tag legen. Der Blindgänger, der einem in den geraden Sprint zum sicheren Tor hineinläuft; das Antitalent, das wie ein Statist vor dem großen Passloch steht, ohne hineinzulaufen: Sie alle haben weltweit schon zahllose Gamecontroller das Leben gekostet.

Noch mit "Fifa 21" hatten die Entwickler von EA versucht, dieses Defizit mit definierbaren Laufwegen zu beheben. Per Tastenkombination konnte man einen nicht kontrollierten Spieler in eine bestimmte Richtung laufen lassen. Das erwies sich allerdings à la longue vor allem für Gelegenheitsspieler als wenig praktikabel, weil ablenkend und umständlich. Zwar bietet auch "Fifa 22" diese Option. Doch ist sie nun noch unwichtiger, weil sich die Spieler nun grundsätzlich intelligenter verhalten. Sie lösen sich besser vom Gegner und erkennen, wann der entscheidende Sprint gefragt ist.

Verbessert wurde auch die Verteidigung. Der simple Doppelpass ist nicht mehr Erfolgsgarant. Jeder Verteidiger scheint zu wissen, was die anderen tun. Das Auftreten wirkt insgesamt koordinierter. Hier durchzubrechen, wurde erheblich erschwert. Zusätzlich gibt es die Option, bei einem gegnerischen Angriff mit einem Tastendruck zu entscheiden, welchen von vier nahestehenden Spielern man kontrollieren möchte. Das ist ähnlich kompliziert wie die erwähnte Laufrichtungsbestimmung und dürfte beim Gros der Spieler eher nicht gefragt sein.

Vor allem aber das Verhalten des Torwarts wurde erheblich in Richtung Realismus verändert. Tore aus kurzer Distanz, die im echten Fußball sofort zum Stammplatzverlust des Goalies führen würden, sind fast nicht mehr möglich. Auf Distanz hingegen zeigten die Schlussmänner Defizite, etwa bei Weitschüssen; es kam aber auch zu erratischen Ausflügen, die das Tor völlig offen ließen. Doch vor allem im Eins-gegen-Eins ist der Torhüter nun eine Macht.

Eine solide KI-gelenkte Defensive ist grundsätzlich etwas Beruhigendes, allerdings ein zweischneidiges Schwert. Für Profi- und Onlineligaspieler werden Erinnerungen an Zeit wach, die gar nicht so lange her sind. Noch bei "Fifa 16" war die KI-Verteidigung dermaßen gut, dass selbst die besten Spieler kaum Chancen hatten, daran vorbeizukommen. Ein Zufallstor eines mittelmäßigen Spielers führte damit regelmäßig zur fatalen Niederlage des Profis, weil der Glückspilz dann sofort auf Fünf-Mann-Verteidigung umstellte und den Rest den Computer erledigen ließ. Relativiert wird das theoretisch dadurch, dass eben auch das Angriffsverhalten verbessert wurde, aber es bleibt abzuwarten, wie das Ganze dann in der Praxis aussehen wird. Und natürlich ist der Status quo nicht in Stein gemeißelt. Es wäre nicht das erste Mal, dass EA das Spiel nach Feedback der Fan-Gemeinde in einem ersten Update erneut stark ummodelt.

"Volta" erneut für Arkade-Freunde an Bord

Doch wem das unrealistische Verhalten vergangener Tage abgeht, der hat im Spiel ohnedies auch den Straßenfußballmodus "Volta" integriert. In dem geht es um Kunststückerl, Geschwindigkeit und schnelle Tore. Damit wird alles geboten, was das Arkade-Herz begehrt.

Daneben bietet "Fifa 22" natürlich auch Altbekanntes wie den Managermodus. Erstmals kann man hier einen eigenen Klub erstellen und den dann in einer Liga seiner Wahl spielen lassen. Personalisierungsmöglichkeiten sind dabei groß: von Stadionart über das Aussehen des Rasens und der Tornetze bis zur Sitzfarbe. In einem anderen Modus kann man einen Spieler erstellen, ihn ausbauen und auf den Weg zum Fußballzenit schicken.

Ebenfalls wieder mit dabei ist Fifa Ultimate Team, bei dem man gegen echtes Geld sein virtuelles Team erstellen kann und durch das Ausgeben von noch mehr Geld die Chancen steigern kann, gegen andere Spieler zu gewinnen.

"Fifa 22" erscheint heute, Freitag, für PC, Playstation, Xbox und Switch. Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt.