Ein starker Einstieg, dem nach einigen Stunden Ernüchterung folgt: Das war der Verlauf so mancher Videospiele, welche der Herausgeber Ubisoft in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat. Dieses Muster zeigt sich auch beim Actionspiel "Far Cry 6", das "Wiener Zeitung" angespielt hat. Der Ausflug auf die Karibikinsel Yara beginnt pompös, verliert aufgrund repetitiver Mission mit der Zeit aber ihren Reiz.

Die "Far Cry"-Serie ist so wie die "Assassin’s Creed"-Reihe eines der Zugpferde von Ubisoft. Alle paar Jahre erscheint ein neuer Titel, der grafisch auf dem aktuellsten Stand ist und mit einer starken Inszenierung aufwartet. Das trifft auch auf "Far Cry 6" zu, wie gleich der Beginn offenbart. In einer Zwischensequenz wird der Bösewicht vorgestellt: "El Presidente" Antón Castillo, Diktator der fiktiven, an Kuba angelehnten Karibikinsel Yara.

Castillo wird vom Schauspieler Giancarlo Esposito (bekannt als Drogenbaron Gus in der Fernsehserie "Breaking Bad") verkörpert. Während Castillo von seinen Erfolgen schwärmt und Yara als Paradies anpreist, zeigen Bilder, wie es wirklich zugeht: Plantagenarbeiter werden ausgenützt, mit Chemikalien vergiftet, Dissidenten verhaftet, zusammengetrieben und ermordet.

Dani Rojas, der wahlweise männliche oder weibliche Held des Spiels, kann einem Massaker nur knapp entkommen. Sein Versuch, nach Miami zu fliehen, scheitert aber. Das Schiff wird von Castillo und seinen Schergen geentert. Durch Glück kommt Dani erneut mit dem Leben davon. Er strandet auf einer Insel und trifft dort auf eine Gruppe von Guerillas, die gegen Castillos Schreckensherrschaft aufbegehren. Der junge Mann ist anfangs zwiegespalten, will er doch eigentlich in den USA fliehen, letztlich schließt er sich aber den Widerstandskämpfern an.

Von Hähnen und
Kampfflugzeugen

Die ersten paar Spielstunden sind gelungen. Grafisch und atmosphärisch entfaltet "Far Cry 6" hier seine volle Pracht: In satten Dschungellandschaften wandert Dani auf Guerillapfaden, per Oldtimer samt Karibikmusik fährt er von Auftrag zu Auftrag - bei Kämpfen sind Action und Explosionen garantiert.

Daneben bringen neue Spielideen Abwechslung: Dani kann in "Far Cry 6" einen tierischen Begleiter auswählen, der ihm bei den Kämpfen beisteht. Zu Beginn verfügt er beispielsweise über ein Krokodil, dass er gegen seine Feinde einsetzen kann. Später kann er mit Hähnen, die der Spieler selbst steuern kann, auch an Hahnenkämpfen teilnehmen. An Fahrzeugen wird in "Far Cry 6" sowieso nicht gegeizt: Mit Panzern, Hubschraubern und Kampfflugzeugen kann Dani gegen Castillo im Laufe des Spiels ins Feld ziehen.

Die anfangs motivierende Handlung flacht aber allmählich ab. Der Grund dafür sind die sich stets wiederholenden Missionen. Castillos Verbündete auszuschalten, ihre Lager einzunehmen, Ressourcen zu stehlen und Gefangene zu befreien, ist zu Beginn noch spannend.

Doch beginnt dieses Spiel immer und immer wieder von Neuem. Nachdem er seine erste große Mission erfüllt hat, wird Dani beauftragt, die in Yara verstreuten Guerillas zu vereinen. Das gelingt ihm nur, indem er Castillos Schergen ausschaltet, ihre Lager einnimmt . . .

Das Gleiche gilt auch für die zahlreichen Nebenaufgaben, die rund um die riesige Welt von "Far Cry 6" verstreut sind. Dani wird mit Missionen überhäuft, die allerwenigsten aber heben sich von der Masse ab. Stattdessen geht es zigfach darum, Luftwaffenbasis A auszuschalten, den Tanklaster B zu stehlen und so weiter. Die taktisch meist sehr unklug agierenden Feinde sind dem Spiel ebenfalls kein großer Dienst.

Pubertierender Sohn
begehrt auf

Dadurch wird wie bereits bei einigen "Assassin’s Creed"-Titel viel Potenzial verspielt. Im Gegensatz zur Assassinenreihe wartet "Far Cry 6" aber mit interessanteren Charakteren und Zwischentönen auf. Die Karibikwelt von Yara ist voller erinnerungswürdiger Charaktere, vom verrückten Mechaniker über einen Spionagechef, von dem Dani jede nur erdenkliche Waffe erhalten kann. Diktator Castillo wiederum hat mit familiären Problemen zu kämpfen: Sein pubertierender Sohn ist so gar nicht mit der Despotie seines Vaters einverstanden und lässt das Castillo auch mehrfach spüren.

Diese "Aha"-Momente werden aber von der nächsten langweiligen Such- oder Rettungsaktion verdrängt. Statt auf Qualität setzt "Ubisoft" erneut auf Quantität: Der "Far Cry 6" bleibt damit ein Urlaub, der sich alsbald abnützt.

Das Testmuster wurde der "Wiener Zeitung" vom Hersteller zur Verfügung gestellt. Das Videospiel "Far Cry 6" ist am 7. Oktober für alle gängigen Spieleplattformen (außer der Nintendo Switch) erschienen.