Einfach begeistert oder überfordert? Die räumliche Orientierung beim Computerspielen soll Aufschluss geben über eine mögliche Erkrankung an Demenz. - © adobe stockfoto
Einfach begeistert oder überfordert? Die räumliche Orientierung beim Computerspielen soll Aufschluss geben über eine mögliche Erkrankung an Demenz. - © adobe stockfoto

Wien/London. Demenz spielend erkennen? Wissenschafter vom University College London (UCL) und der Universität East Anglia wollen genau das schaffen. Wer Computerspiele - beispielsweise Ego-Shooter - spielt, braucht neben guter Fingerfertigkeit, Reaktion und strategischem Denken auch ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen. Letzteres ist eine der ersten Fähigkeiten, die sich bei Demenzkranken verschlechtert. Die Forscher wollen daher mittels Computerspiel frühzeitig Demenz diagnostizieren und präventive Maßnahmen ergreifen. Rechtzeitig zum heutigen Alzheimer-Tag - der häufigsten Form von Demenz - kündigt sich damit ein kleiner Durchbruch in der Erforschung der Krankheit an.

Ausgangspunkt ist das gemeinsam mit den beiden Universitäten entwickelte Spiel "Sea Hero Quest". Darin geht es darum, sich eine anfangs eingeblendete Landkarte einzuprägen, um anschließend mit einem Schiff bestimmte Kontrollpunkte abzufahren. Gelegentlich kann man dabei noch eine Leucht- bzw. Spährakete abschießen, oder Ungeheuern ausweichen. Hinter dieser unterhaltsamen Oberfläche befindet sich ein ausgeklügeltes System zur Beurteilung des räumlichen Vorstellungsvermögens und der dabei stattfindenden neurologischen Vorgänge.

Normdaten durch millionenfaches Spielen

Seit seiner Veröffentlichung im Mai 2016 wurde das von der deutschen Telekom finanzierte Spiel mehr als vier Millionen Mal heruntergeladen. Das Mobilfunkunternehmen erhob - anonymisiert, wie versichert wird - die gesammelten Spieldaten der User und stellte diese den Universitäten zur Verfügung. Dadurch wurden sogenannte Normdaten über die räumliche Orientierung des Menschen gewonnen. Auf deren Basis wollen die Wissenschafter nun medizinische Messmethoden entwickeln, mit denen Demenz frühzeitig erkannt werden kann. Dazu wird eine adaptierte Version von "Sea Hero Quest" entwickelt, die dann als Screening-Instrument zur Diagnose eingesetzt werden soll. Der Einsatz des Spiels sei auch denkbar bei der Überwachung des Krankheitsverlaufs.

Klappt alles wie geplant, wäre das Computerspiel ein Durchbruch auf dem Gebiet der Demenzforschung. Denn mit den aktuell eingesetzten Demenztests lassen sich die Anfangssymptome räumlicher Desorientierung nicht effektiv genug untersuchen.

"Wir denken, dass dieser Test besser funktionieren wird, weil er schon im frühen Stadium der Krankheit aufzeigen kann, wie die neuronalen Schaltkreise verwendet werden", erklärte der federführende Forscher, Hugo Spier, von der UCL gegenüber der "Wiener Zeitung".

Geschlechterrolle beeinflusst räumliche Orientierung

Schon mit einmaligem Spielen lasse sich eine aussagekräftige Beurteilung abgeben. "So wie alle neuropsychologischen Screenings würde der Test aber nicht eine Einzelmaßnahme sein, sondern Teil eines ganzen Maßnahmenpakets sein", so Spier.

Noch befindet sich das Ganze im Entwicklungsstadium, doch schon jetzt konnten anhand der analysierten Daten interessante Erkenntnisse gewonnen werden. Beispielsweise, dass zwischen dem räumlichen Orientierungsvermögen und dem materiellen Wohlstand der Bevölkerung in einem Land ein starker Zusammenhang besteht. In den skandinavischen Ländern und Nordamerika erzielen die Spieler die besten Ergebnisse. Männer erzielen durchschnittlich bessere Ergebnisse als Frauen. Allerdings ist der Leistungsunterschied zwischen den Geschlechtern umso niedriger, je fortgeschrittener die Gleichstellung ist.