Hirnbereich wird "verstopft"

Die Wirkungsweise von Tetris ist leicht erklärt: Das räumlich-visuell sehr anspruchsvolle Spiel beansprucht den Wahrnehmungskanal im Gehirn so, dass die Eindrücke des eben erlittenen traumatisierenden Erlebnisses im Gehirn nicht gespeichert und abgelegt werden können.

Ein Spiel, das hingegen die sprachlichen Fähigkeiten des Probanden fördert - etwa ein Quiz -, würde das Trauma noch zusätzlich verstärken, wie die Hirnforschung mittlerweile weiß.

Tetris-Studien wurden nicht nur an Unfallopfern durchgeführt, sondern auch an Müttern, die ihr Baby durch einen Not-Kaiserschnitt zur Welt brachten. Ein solches Erlebnis beeinträchtigt in der Folge häufig die Beziehung zum Partner, aber auch die Bindung der Mutter zum Baby ist dann oft eingeschränkt. Der elterliche Stress steigt, die Entwicklung des Babys leidet. Laut einer Studie des Unispitals Lausanne brachten bereits 15 Minuten des Spiels innerhalb von sechs Stunden nach der OP gute Ergebnisse.

Nur kurzfristige Erleichterung

Das große "Aber" an der Heilwirkung von Tetris ist allerdings, dass es den Patienten nur kurzfristig Erleichterung bringt. Nach vier Wochen ist die Wirkung komplett verflogen, die Gruppe der Tetris-Spieler leidet unter denselben Beschwerden wie Nicht-Spieler. Für Wissenschafter sind die bis jetzt gewonnen Resultate dennoch wertvoll, an einer Weiterentwicklung der Erkenntnisse, die dann eventuell eine längerfristige Wirkung entfalten, wird gearbeitet. Jedenfalls kann die Verzögerung schon jetzt wertvolle Zeit für eine allfällige Therapie bringen.

Besonders interessiert an raschen Fortschritten ist die Armee der Vereinigten Staaten. Untersuchungen gehen davon aus, dass 30 Prozent der Veteranen an Posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Es handelt sich also um hunderttausende Menschen, die Folgekosten für Behandlungen und durch Traumatisierte verursachte Schäden sind enorm hoch. Es wird geschätzt, dass sich in den Vereinigten Staaten täglich 22 Ex-Soldaten das Leben nehmen, weil sie mit den belastenden Erinnerungen aus dem Krieg nicht fertig werden.

Eine simple und billige Therapie, die dauerhaft heilt, ist bis heute nicht gefunden. Gute Ergebnisse werden mit der Methode des "geschützten Wiedererinnerns" erzielt, wobei der Patient unter Hypnose dazu gebracht wird, die traumatisierenden Erlebnisse neu zu erleben und aufzuarbeiten. Diese Therapie ist aufwendiger und viel kostspieliger als Tetris-Spielen, Therapeuten der deutschen Bundeswehr verweisen aber auf eine Erfolgsquote von rund 80 Prozent.